Der Grübner wischte den Löffel und spielte damit. „Ein Jahr, meinst Du? — Nu, können ja noch reden davon, sollst auch nicht sagen: der Grübner ist ein Stein!“
Nach dem Abendmahle sprach er im Vorhause noch lange mit der Magd, und Genovefa stand darauf die halbe Nacht bei der Leiche und weinte bitterlich.
Am übernächsten Morgen wurde Gregor im großen Conduct unter dem Geläute dreier Glocken christlich begraben. Viele Leute sind mit der Leiche gegangen, und Genovefa hat über all’ das vor Schmerz und Freude geweint. Zuletzt hat sie noch dem alten Einleger Gottfried eine Weihkerze und zwei Groschen gegeben, daß er für Gregor’s Seele bete.
Als der Großknecht an einem der folgenden Tage einmal mit Genovefa allein auf dem Felde war, da das Korn schon reif geworden, sagte er zu ihr: „Das war wohl einfältig von Dir, Vefa, daß Du dem Bauer ein ganzes Dienstjahr geschenkt hast; er hätte den Gregor auch so ordentlich begraben müssen; oder glaubst Du, wir hätten unsern Gespan in einen Sack genäht und auf den Friedhof getragen wie ein Bündel Hafer in die Mühle? O, da hättest Du eher ganz was Anderes gesehen! Ich hab’ damals beim Tisch den Georg schon mit dem Fuß gestoßen — und wie der Bauer nur noch ein Wort sagt von einem solchen Eingraben wie einen Hund, nur ein solches Wort, und wir brechen ein paar Stuhlfüße ab und lehren den Bauer Gott erkennen! Wir hätten es than, und wenn er’s noch eine Weil’ so fort treibt mit Dir, so geschieht was. Glaubst, ich trau’ mich nicht, daß ich jetzt hingeh’ zu ihm und sag’: Grübner, Du bist ein Schuft! Glaubst, ich trau’ mich nicht?“
„Laß es nur gut sein jetzt, Großknecht, und reden wir kein Wort mehr davon. Ich dien’ gern ein Jahr umsonst, wenn der Bauer nur dem Gregor nicht nachflucht — der Todte könnt’ ja kein’ Ruh’ haben im Grab...“
Und sie redeten nicht mehr davon.
Gegen den Herbst kam eine schwere Arbeit. Im Gebrände mußte das Gestöcke entfernt und der Boden umgegraben werden. Mit dem Pflug kann man in solchem Waldgrund nichts anfangen, und so nimmt denn Jedes seinen Spaten oder die Haue und gräbt vom frühen Morgen bis zum späten Abend. In den Frühstunden, da geht’s freilich noch gut, da geben die Bäume, die auf der Anhöhe stehen, ihren Schatten, aber bald guckt die Sonne über dieselben herüber, als ob sie sehen wollte, ob die Arbeiter wohl auch fleißig. Und dann werfen die Leute ihre Röcke weg und graben wieder. Die Sonne bleibt nun da und blickt immer auf die Arbeiter und wendet ihr Gesicht gar nicht weg. Und die Leute wischen sich den Schweiß und graben.
Für Einen, der mit der Haue sein trocken Brot herausgraben muß aus steinigem Grund, schleicht die Sonne gar langsam über den Himmel hin; aber auch für ihn kommt der Abend. Die Schatten des westlichen Bergwaldes werden länger und länger; die Leute richten sich auf, athmen in einigen langen Zügen die frischere Luft ein, fassen den Spatenstiel fester an, und graben. Und erst wenn es dunkel geworden ist und die Haue in den Steinen schon helle Funken giebt, sagt der Großknecht: „Lassen’s gut sein für heut’!“ und die Leute suchen ihre Röcke, nehmen die Haue über die Achsel und gehen heim.
Solche Tagewerke hat auch die alte Genovefa mitmachen müssen, weil im Kuhstall der Gustl, der Grübnersohn, angestellt wurde. „Sonst thut’s mir nichts,“ hatte sie gesagt, „aber das Kreuz will mir völlig abbrechen.“