Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen.

Eine, die aus Allgäu herüber kam, hatte am Stamme der Antlistanne den weißen, rindenlosen Fleck zuerst gesehen. Und als sie hinzutrat, zu schauen, wieso man diesen schönen Baum geschädigt habe, bemerkte sie auf dem Splint die Schrift: „Hier auf dieser Straßen hat mich Gott verlassen.“

Was bedeutet das? Und als sie in das finstere Geäste der Tanne emporblickte, stieß sie einen Schrei aus, der wild an’s Gestämme schlug, und lief davon und schrie es von Haus zu Haus, was sie auf dem Baume gesehen.

Jetzt, mein Leser, ist es noch früh genug, daß Du diese Blätter ungelesen wendest. Denn die Geschichte trifft grob und Mancher wird fluchen über die Menschen, über Gott und über den Erzähler. Daß es keine Dichtung ist, das entschuldigt wohl den Erzähler, aber sonst Niemanden.

An einem jener Tage war es, da die Menschen des Dorfes nicht arbeiten wollten, aber auch nicht ruhen — der Tag zum Beten und Sündigen.

Der Küsterssohn Anasti, ein kräftiger, gebräunter, rabenlockiger Mann von sechsundzwanzig Jahren, liegt hingestreckt auf dem Rasen, im Schatten des Obstgartens. Aus seinen Augen funkelt die Gluth, die in ihm loht, der schwarze Bart auf seiner trotzig geschärften Oberlippe ist wie eine Warnungstafel: Weiber mit Feuer sollen nicht zu nahe kommen.

Doch nein, jetzund wird nicht mehr gesündigt. Anasti hat eine Braut, in kurzen Wochen ein Weib. In der Kirche zum heiligen Wolfgang sind sie heute das erstemal aufgeboten worden, er und die schöne Gratina, die einzige Tochter des reichen Spornthalers. Das Glück ist doppelt und dreifach herrlich, weil er weiß, daß ihn Alles darum beneidet. Aber von der Gratina ist es nicht zu verwundern, daß sie eben gerade den Anasti erwählt hat: er ist zwar der Küsterssohn, aber er ist ein Mann. Seine Kraft dient nur seinem Willen und sein Wille entspringt wie ein elektrischer Funke aus den heißen Nervenströmen seines kühnen, stolzgebauten Körpers. So ist Einheit in seinem Wesen und jene rücksichtslose Entschlossenheit, welche die Weiber an den Männern mehr lieben, als die edelsten Eigenschaften der Seele.