Der Hans ist vormalen in den Freisohlergräben Ziegenhirt gewesen. Dort hat er oft den Blockriesen der Holzknechte zugesehen, wie die zerschnittenen und entschälten Baumstämme die Mulden und Rinnen herniederrollen und mit klingendem Schalle in die Kohlstatt fliegen. Und da war dem Hans aufgefallen, daß diese Holzstücke je nach ihrer Größe und Länge einen verschiedenen Klang hatten. Je kürzer das Stück, desto höher und greller das Klingen, je länger der Schaft, desto tiefer und summender das Tönen.
Ein Freund der Tonkunst war der „Gaishalter-Hansl“ von jeher gewesen, und das Ideal seines Lebens: pfeifenblasen oder geigen zu lernen und unter den Dorfmusikanten auf dem Kirchenchor oder im Wirthshause Gott zu loben und die Menschen zu erfreuen. Aber das Instrument kostet Geld, der Schulmeister kostet Geld, das Lernen kostet Zeit, und so hat sich der arme Hansel mit seinem Naturgesang und mit dem Meckern der Ziegen zufrieden geben müssen. Wohl hatte er sich mehrere Pfeifen aus Rohr geschnitten, hatte Blätter von Enzian über die Lippen gespannt und durch das Blasen Töne erzeugt; doch waren ihm derlei Instrumente nicht vollkommen genug.
Als ihm nun aber das vielfältige Schallen der entschälten Holzblöcke auffiel, kam ihm plötzlich der Gedanke: so ein Werkzeug aus Holz, daß man darauf Musik machen könnte! Mit den großen Blöcken ließ sich allerdings nichts anfangen, die gehörten auch nicht sein; aber im Kleinen aus Fichten-Holzstücken ein Spiel einrichten!
Er hat’s versucht, hat lange, lange Zeit damit herumgearbeitet, und so ist allmählich jenes oben beschriebene Instrument entstanden. Mit zwei Hämmerchen hat er es geschlagen, bald auf das eine, bald auf das andere der Stäbchen klopfend, und siehe, es haben dabei die Hunde geheult. Darüber war der Hans entzückt, denn Hunde heulen immer, wenn Musik gemacht wird — so war es denn Musik.
Viele Jahre lang hat es freilich gebraucht, bis das Instrument eine solche Vollkommenheit und der Hans darauf eine solche Fertigkeit erlangte, daß er vor aller Leute Ohren spielen konnte. Dafür thäten sich nun aber die Ohren um so schärfer spitzen. Man hatte wohl schon gehört, wie auf Glöcklein oder auf einer Reihe von Trinkgläsern allerlei Weisen hervorgebracht wurden, aber daß gar die Holzblöckchen, die wild aufgewachsen waren im Walde, musikalisch sein sollten, das war gar aus aller Weise. Sechsunddreißig Stäbchen, von dem kürzesten bis zum längsten, gaben sechsunddreißig Töne, die ganz kunstgerecht mit einander harmonirten. Und jetzt hämmerte der Hans den Leuten vor, was sie wollten: steierische Tänze und wienerische Walzer, heitere Lieder und frische Soldatenmärsche, auch Alpenjodler und Kirchengesänge, was eben die Leute verlangten und — bezahlten.
Da war’s mit dem Ziegenhalten vorbei. Da ging der Hans mit seinem Spielwerk thalauf, thalab, von einem Dorf zum andern, auch zuweilen über die Berge hin in ein anderes Thal, und an der Landstraße weiter auf Märkte, in die Städte; kehrte aber stets wieder bald in seine heimatliche Gegend zurück. Man gab ihm den Rath, er sollt’s versuchen, sollt’ in die Residenz reisen, sollt’ in der weiten Welt sein Glück probiren, er käme nach Jahren gewiß als reicher Mann zurück.
Der Hans that’s aber nicht und er wußte gut, warum.
Wenn er drüben hinter den Bergen war, in einem andern Thal, oder in der Gaustadt draußen, da hatte er, außer in den Stunden, wo er spielte, keine gute Zeit. — „Thut mir halt allerweg ein bissel ant, wenn ich nit daheim bin,“ sagte er einmal im Vertrauen; ging er aber wieder zurück in’s Thal, wo er geboren worden, wo er die Ziegen geweidet, wo er sein Holzinstrument erfunden, so fand er eigentlich doch nichts vor. Heimweh und keine Heimat! Keine Handbreit Erde war sein. Wozu auch braucht er Erde, der Bettelmusikant, er gehört zu jenen Leichtfertigen und Glücklichen, die bei der Theilung der Erde zu spät gekommen. Von seinen Blutsverwandten lebte Keines mehr. Aber die Leute hatte er alle lieb, die in der Gegend der Freisohlergräben und des Koberwaldes lebten. Den Einen hatte er einst die Ziegen gehütet, den Anderen was vorgespielt; die hatten ihn satt gefüttert, wieder andere hatten ihm gute Schuhe machen lassen. Ferner hatten sie bei seiner Musik viel getanzt und gesungen und hatten gesagt: „Wer wollt’ ihm’s ansehen, dem Lappen da, daß er ein solches Kreuzköpfel ist und das ganze Spielwerk selber erfunden hat. So ein Mensch ist hell eine Ehr’ für die ganze Gemein!“ Etliche waren freilich auch, die seine „Holzklemper“ verspotteten — aber gut und in irgend welchem Verhältniß stand er zu Allen; auch sagten Alle „Du“ zu ihm, und hatten stets ein drolliges Wort für ihn wenn er kam, und mancher Gönner der Kunst verehrte ihm ein Pfeiflein Tabak — und das Alles zusammen und vielleicht noch Anderes mit machte es, daß er hinter den Bergen draußen jenes Gefühl hatte, welches wir Heimweh nennen.
Vor Allem hatte er die Kinder lieb, gesellte sich gern zu ihnen, und sie hüpften und schlugen Purzelbäume bei seinem Spiele.