Mein Sohn Alfred besaß einen lichten Kopf und ein gutes Herz; will nicht verlangen, daß man es mir, dem Vater, zuversichtlich glaube — aber Alle, die den Knaben kannten, haben es auch gesagt. Sie hatten ihn lieb und hießen ihn einen prächtigen Burschen.
Ich ließ ihn studiren. Er wählte die Technik, die heutzutage die Welt beherrscht, weil ihr der Geist der Wissenschaften ein treuer Diener ist. Alfred war mit Leib und Seele seinem Gegenstande ergeben. Dabei besaß er großen Ehrgeiz, der — wie wohlthätig dieser Charakterzug auch bei jungen Leuten wirken mag — mir doch bei meinem Sohne fast zu überwiegend schien. Jahrelang war mir zu den Vacanzen der Junge mit den glänzendsten Vorzugsclassen nach Hause gekommen, und ich sah Freude in seinen Augen.
Einmal aber, als die Schulzeit schon vorbei war, kam er nicht. Es ging eine Woche vorüber, es ging eine zweite Woche vorüber — Alfred kam nicht nach Hause. In der dritten Woche erst erhielten wir seinen Brief, der folgendermaßen beginnt:
„Liebe Eltern!
Eure etwaige Besorgniß um mich zu zerstreuen, theile ich Euch mit, daß ich diese Zeit in meiner Studirkammer zubringe, um die zwei Vorzugsclassen zu erlangen, die diesmals meinem Semesterzeugnisse entgangen sind u. s. w.“
Der kindische Bursche! Unseres Dorfbaders Sohn hatte nicht Eine Vorzugsclasse in seinem Bogen, noch weniger — dünkt mich — in seinem Kopf, und er war doch heimgekommen zu Muttern und genoß durchaus vergnügliche Vacanzen. — Will damit aber nichts Mißgönniges gegen den Nachbar sagen.
Als Alfred das neunzehnte Jahr erreicht hatte, und vor Vollendung seiner Studien nach Hause kam, da ging unser Unglück an.
Der Gerichtsschreiber unseres Kreisstädtchens hatte eine Tochter, ein hübsches — ja ein schönes Mädchen, wohl ein klein Theil älter als mein Alfred — aber ein bißchen leichtsinnig. Bei Frauen ist Leichtsinn ein noch größerer Fehler als bei Männern.
Von Natur aus war sie ein herzensgutes Mädchen; aber bei den kümmerlichen Verhältnissen ihres Vaters hatte sie keine Erziehung genossen, keine Arbeit gelernt — war keine Häuslichkeit inne geworden. Als des Gerichtsschreibers Tochter wußte sie, daß sie zu der haute volée des Städtchens gehöre; sie war den Vergnügungen ergeben und fehlte auf keinem Balle. Rosa hieß sie; Rosabella wurde sie geheißen. Sie wurde gar viel umschmeichelt, von lockeren Gesellen umworben, aber redliche Freier fanden sich unter ihren Verehrern nicht viel.
Einer jedoch war, ein braver, redlicher Mensch; es war mein Sohn. Alfred war in das junge Weib vernarrt bis zum Scheitel seines Lockenhauptes. Er vergaß in den steten Gedanken an sie die Freuden der Vacanzen, die er sonst so unbefangen und glücklich zu genießen pflegte. Wie ein Träumer ging er herum. Und von Rosa hörte ich, sie zöge sich zurück von ihren Anbetern und wäre kleinlaut und blasser als sonst. Und wenn zufällig von Alfred Baumgartner die Rede sei, so werde sie roth wie ein Hagenröslein; ihr Schlaf wäre fieberhaft, in ihren Träumen rufe sie ungezähltemale den Namen Alfred aus.