Da erhob sich Alfred von der Armensünderbank und hub an zu sprechen.
Ich kann kein Wort davon vergessen.
„Ihr Herren Richter,“ hub er an, „ich will nicht rechten um mein Leben; das — ich wußte es — war verfallen, ehe ich in dieses Haus geführt wurde. Das Leben ist mir die größte Last, und was mein Vertheidiger zu meinen Gunsten auch sagen mag, Ihr gerechten Richter, ich bitte Euch, verurtheilt mich zum Leben nicht! Die Schuld ist ja der Uebel größtes und ich bin schuldig geworden; — so endet meine Qual! — Aber auf meinen Vater werfet keinen Stein, er hat’s echt mit mir gemeint — ich hab’s früh genug erkannt. Doch, wer vermag seinem Verhängnisse zu entgehen?“
„Pah, Verhängniß!“ unterbrach ihn Einer der Geschworenen, „der Glaube an das Verhängniß ist ein unselig’ Ding und — eine leichtfertige Ausrede.“
„Ihr Alle säßet da in tiefer Schuld!“ fuhr der Angeklagte fort, „hätten Euch das Temperament und äußere Verhältnisse so mitgespielt, wie mir. — Ich wußte, meine Liebe zu Rosa würde den Frieden meines Hauses zerstören; sie wieder wußte, daß sie für meine Verhältnisse keine Hausfrau sein könne. Und wir mußten uns doch lieben. Außer uns ist Niemand dadurch zu Schaden gekommen. Und schließlich: auch wir selber nicht. Wir haben das kurze Glück einem langen, freudenlosen Leben vorgezogen. Soll ich sagen, daß unsere Liebe wahr und heiß gewesen? Ich mag keine Rührscene geben, denn Thränen sind hier nicht am Platz, aber fragen möchte ich Euch Alle: gab es für uns einen andern Ausweg, als den Tod? — Ihr wißt es ja, daß wir, ich und sie, beschlossen, miteinander zu sterben. Ihr habt es in den Briefen gelesen, die wir vor der That an die Unsern noch geschrieben. Wir haben sie versiegelt auf den Tisch gelegt; wir haben mit Ueberlegung und Ruhe gehandelt und leichten Herzens. Das Leben ist der Güter höchstes nicht!“
„Die Gerichtsstube ist kein Declamationssaal!“ rief ein Herr von der Tribüne.
„Ihr staunt und meint, der dem Tode Geweihte habe noch Lust zu Phrasen. Unsere Liebe war groß genug, das Wort zu begreifen. — O, hätte ich doch mit ihr sterben können! Wer mich daran gehindert, der hat mich in den Jammer gestoßen. — Wißt es noch, wie es war. — An meiner Brust liegt ihr Haupt; sie lächelt, sie mahnt, sie bittet, sie fleht mich an, den Entschluß auszuführen. Eine Minute vor ihr wäre ich gern gestorben; doch dünkte mir das zu feige, zu rücksichtslos für meine Braut. Ich will kurz sein, wie die That kurz war, und Euch gern verschonen mit der Beschreibung der letzten Augenblicke — die mir die größten meines Lebens waren. Rasch sende ich die Kugel aus der Doppelpistole in ihr Herz. Sie sinkt lautlos hin, während ich die Waffe gegen meinen Leib richte. Da versagt der Schuß, und mittlerweile eilen die Leute herbei und führen mich davon. — Und jetzt nannten es die Leute einen Mord und mich rissen sie vom Tode weg, um dem Tode mich zuzuführen. Wohlan, sie haben recht; das aber sage ich laut: Die durch mich fiel, aus Liebe habe ich sie getödtet. Jetzt, Ihr gerechten Richter, thut an mir desgleichen.“
Die Hände gefaltet, sank er nach diesen gebrochenen Sätzen zurück auf die Bank.
Darauf erhob sich der Vertheidiger, und seiner langen Rede kurzer Sinn war der: