„Aber, mein Gott, ihm das Leben nehmen!“
„Sonst nimmt er’s Andern. Weißt Du, wie er gestern die Juliana wieder behandelt hat?“ Der Franz fuhr auf. Der Crispin erzählte mit wenigen Worten. Da unterbrach ihn der Wachszieher: „Sei still, ich thu’s! Sei still.“
Der Crispin nahm das gegossene Bleistückchen in die Hand und sagte: „Bleikugel! Todtenkopf! Was Du willst. Du siehst, dem Alten ist’s Bestimmung. — Da, Kamerad, die Uhr gehört Dein, aber der Steghof sei in sieben Tagen ausgeräumt!“
Der Franz stieß die Uhr von sich, schrie: „Nein! Behüt’ Dich Gott!“ und stürzte aus der Stube — in die erste finstere Nacht des neuen Jahres hinein.
Mittlerweile verging ein Tag und es verging der zweite. Die beiden Freunde sahen sich nicht. Crispin brütete an seinen Plänen fort; an den trägen, weichmüthigen Franz dachte er kaum mehr. Der war für ihn denn doch nicht der Rechte.
Finster ging Crispin umher, er ging im tiefen Schnee und er ging durch die Wälder. Das Hochwild erschrak vor ihm, aber floh nicht, als wisse es: Der jagt anderes Wild, als das vierfüßige. Weit drüben im Bergwald ist eine tiefe, finstere Schlucht, die Natterklamm geheißen. Zur Sommerszeit hörte man in den Untiefen der Natterklamm ein Wässerlein fallen; im Winter lag Eis und Schnee in den Klüften. Hoch über dieser Schlucht führte ein Steg, der nur aus zwei nebeneinandergelegten Bäumen bestand und im Volksmunde der Sündensteg genannt wurde. Vor Zeiten ging die Sage, daß er unter keinem schweren Körper brechen könne, wohl aber unter einer schweren Sünde, die darüber getragen würde, in den Abgrund stürzen müsse. Daher war der Steg von Manchem gemieden worden; da er aber auch unter Solchen nicht brach, welche sich, der Sünde bewußt, frevlerisch darüber wagten, so kam die Sage allmählich in Vergessenheit. Leute, die nach Hallwies hinaus wollten, benützten diesen Steg, weil der Weg durch den Wald bis in den Flecken um eine Stunde kürzer war, als die Fahrstraße dahin.
Der alte Steghofer, hatte er in Hallwies, wo das Steuer- und Gerichtsamt war, Geschäfte, so ging er stets über die Natterklamm.
Ja selbst im Winter, wo Alles sonst die Straße wählte, ging der Alte seinen Waldsteig, wie sehr dieser oft auch verschneit und verweht war.