„Oh, seit vielen Jahren kann ich das Uhrschlagen nicht mehr hören,“ versetzte der Martin, „ich fürchte mich vor der letzten Stunde. Ich sag’ Dir’s, Thomas, das Geheimniß möchte ich nicht mehr länger tragen, hör’ mir zu: Daß Dein Sohn als Einbrecher ist ausgeschrieen worden, das kommt von mir!“
„Was ist das?“ rief der Thürmer, „jetzt muß ich aber doch unrecht verstanden haben. Ach, was man taub wird! Sag’s noch einmal.“
„Ich habe den Valentin in Verdacht gebracht,“ sprach der Korbflechter, „der jungen Jüdin wegen ist’s hergegangen, der Tochter des Moses wegen. Die hab’ ich oftmalen aufgesucht, und just das, hab’ ich vermeint, wird mir der Beichtvater nicht verzeihen mögen. Aber das ist noch wundersleicht gegangen; wie ich ihm jedoch das letztere habe erzählt daß ich auf den Thürmerssohn Valentin, der sich auch ein Weniges an die Jüdin gemacht hat, eifersüchtig bin gewesen, daß ich ihm in derselbigen Nacht bei dem Judenhäusel aufgepaßt habe und Leut’ zusammengerufen und ihn abfangen lassen und ausgeschrieen: des Juden Geld hätt’ er sich holen wollen — da ist der Beichtvater mit seinem Latein zu End’ gewesen.“
„Du hast gewußt, daß es nicht um’s Geld? — daß er sich beim Mädel wollte anmelden? Hast Du das gewußt, Martin? hast Du das?“
„Das hab’ ich freilich gewußt. Und just da ist er mir im Weg gewesen.“
„Martin!“ murmelte der Thürmer, „hättest Du — wenn Du schon schlecht hast sein können — ihn beim Prälaten verklagt: der dürfte die Liebschaft zwischen dem Theologen und der Jüdin schon verhindert haben.“
„Wer weiß es?“ warf der Martin ein, „höchstens, daß er den Valentin nicht weiter hätte studiren lassen; da wäre der Valentin in Münsterwald geblieben und mir erst recht im Weg gestanden. Sie hat ihn lieber gehabt, als mich. Wie mir’s dazumal ist gewesen, Thomas! — Heut’ versteh’ ich’s ja selber nimmer, wie der Mensch so sein kann — aber wie es mir dazumal gewesen, so hab’ ich mir heilig wahr keinen andern Rath gewußt, als den: du mußt ihn sicher machen.“
Jetzt drehte sich der alte Thürmer ein wenig, schaute den Korbflechter an und murmelte: „Wie Du dastehst, noch alleweil hübsch bei Person und soweit in Ansehen bei den Leuten, wohl, wohl! — hättest Du vorig’ Jahr nicht Gemeindevorstand von Grabendorf werden sollen? — so kennt man Dir’s bei Gott nicht an, was Du für ein grundschlechter Mensch bist.“
„Mußt nicht so, Thomas, mußt nicht,“ sprach der Andere und hielt seine Hände bittend zusammen, „denk’ Dir, ich bin verblendet gewesen in meiner Begier’ und hab’s nicht wissen können, daß mein Spitzbubenstreich so grob für den Valentin sollt’ ausfallen. Nun, wie ich gesehen, was angerichtet worden ist, da hab’ ich nicht mehr die Kurasch gehabt, daß ich’s laut gemacht hätt’: Er wär’ der ehrliche Mann und ich der Schurk. O, mein Gott, wenn Du wissen könntest, Thürmer, was ich wegen dieser Geschichte schon ausgehalten hab’! Kein aufrichtiges Beten und kein ruhiges Schlafen die langen Jahre her, und so oft ich vom Thurme eine Glocke hab’ gehört, ist’s mir gewesen: jetzt schreit sein Vater wieder zum gerechten Herrgott auf. Was hab’ ich umhergewurmt, daß ich doch einmal etwas vom Valentin hören sollt’; ich habe nichts von ihm gehört; Du auch nicht, gelt, und jetzt weißt, warum ich Dich so oftmals hab’ gefragt, ob Du von Deinem Sohne nichts mehr hättest vernommen, bis Du mich einmal angefahren, was ich mich so viel um den Lumpen zu scheren hätt’! Da hab’ ich genug gehabt, hab’ nicht mehr gefragt — aber still ist’s in mir nimmer geworden. — Und jetzt auf einmal, mein Thomas, jetzt ist mir so leicht, daß ich Dir möcht’ um den Hals fallen, wenn ich nicht müßt’ vor Dir auf’s Knie und bitten: Verzeih’ mir’s, verzeih’ mir’s!“
Da lag der Mann vor dem Alten auf dem Boden; der Alte ließ ihn nicht lange liegen.