„Mir selber hat erst vor etlich’ Tagen Einer verziehen,“ sagte der Thürmer, „so verzeih’ ich Dir auch. Geh’ zu Deinem Beichtvater und sag’ ihm’s; vielleicht kann er Dich absolviren.“

„Aber jetzt,“ murmelte der Korbflechter, seine Augen waren naß, „jetzt kommt freilich erst das Schwerste. Du wirst es den Leuten sagen wollen, wie’s steht; ich kann Dir’s auch nicht verdenken — Du wirst Deinen guten Namen und das Andenken Deines Valentin wieder weiß machen wollen, Du hast ja Recht, und das thät’ Jeder — aber was wird aus mir armem Teufel werden, aus meinem Weib und meinen Kindern?“

Der Thürmer schaute in die Glockenkrone auf, in der erst vor Kurzem wieder das Lied vom heiligen Christ geklungen war und dann nahm er den Martin an der rechten Hand und sprach: „Sei ohne Sorgen. Wenn ich gesagt habe, ich verzeihe Dir, so ist Dir verziehen und vergessen. Es wird keine Rede mehr davon sein. Die alte Zeit ist vorbei, die Leute haben an der neuen genugsam zu schaffen, so sei Alles begraben.“

„Thomas!“ sagte der Martin, „wie bist denn? — Als in der heiligen Nacht diese Glocken gerufen, da haben die Kinder gesagt: Die Engel thäten läuten! ’s ist keine Mär’, Du bist ein Engel!“

„Laß das sein, mein lieber Martin, was ich Dir versprochen hab’, das kommt mir leichter an, als Du glauben magst. Geh’ jetzt heim zu Deinen Kindern!“

„Wirst sehen, Thürmer, was ich noch thu’!“ rief der Korbflechter und knarrte die Stiege hinab.

Am nächsten Tage stieg der Schwarzbart noch einmal in den Thurm hinauf, um von seinem Vater wieder Abschied zu nehmen. — Niemand sollte wissen, wer sich hier gefunden hatte, Niemand sollte ahnen, daß in diesem Pater Christof der vor neunzehn Jahren wegen Einbruch ausgehetzte Valentin stecke.

Und als Vater und Sohn in der Thurmstube noch beisammen saßen und sich bemühten, etwas Wein zu trinken, der da war, um die Betrübniß des Abschieds zu mildern, entstand unten auf dem Kirchplatz plötzlich eine Bewegung, ähnlich der am Himmelfahrtsmorgen vor neunzehn Jahren. Ob das wahr wäre? riefen die Stimmen. „Wir wollen den Thürmer sehen!“

Bevor dieser noch geholt werden konnte, stürmten sie schon die Stiege hinan in die kleine Wohnung des alten Thomas.

Die Münsterwalder hatten auf Valentin nicht vergessen, nur aus Rücksicht für den Alten die Geschichte liegen lassen. Nun war Alles wieder lebendig, und sie schrieen es dem Alten in’s Ohr, was damals der Korbflechter Martin gethan habe.