„Kannst eins werden, wann Du willst,“ antwortete Lorenz.

Sie kletterten hinab und sahen durch das junge Gestämme den Schimmer. —

Sie standen am See, nahe an der Rothen Wand. Ringsum dichtes Laubgehölze, in welchem jede Knospe lauschend den Finger an den Mund zu halten schien und kein Blatt sich rührte. An der Wand rieselte eine Quelle; der See lag dunkelblau in tiefster Ruhe.

Hier standen die zwei jungen Priester und warfen scheue forschende Blicke um sich. — Dann begannen sie sich rasch zu entkleiden. Stück für Stück warfen sie die Ordenskleider in das Gras — und bald standen sie auf gut weltlich da. Dominicus war glatt rasirt, weil die Regel vorschreibt, am Gesichte die Spuren des Mannes auszutilgen. Die Locken waren kurz geschoren, weil die Regel vorschreibt, dem Teufel auch nicht Ein Haar zum Anfassen bereit zu halten. Am Scheitel war eine runde Glatze ausgeschnitten, weil die Regel durch solches weißes Scheibchen den Heiligenschein andeuten will, der das Haupt verklären soll. — Lorenz trug fast längere Locken, als die Ordensregel dulden wollte; wie junge Schlangen ringelten sie sich um die weiße Stirne und gegen den schlanken Nacken hinab; und er trug schönere und feurigere Augen, als es zum obligaten Blick gegen Himmel unumgänglich nothwendig ist. Auf seiner Oberlippe lag der ersten Reife leichter Schatten.

Ueber dem Buchenwalde her klang leise der Ton der Stiftsglocke, welche vier Uhr schlug. Noch zwei Stunden bis zur Vesper.

Lorenz hob die Hände und rief einem jungen Adler zu, der hoch über dem See schwebte: „Ich wollte, du flögest jetzt zur Kirchenuhr und hieltest mit deinen Krallen den Zeiger fest; wie kann ich mir denken, daß mir in zwei Stunden diese Welt wieder verloren sein soll!“

Dominicus schwieg und ging das sanft fallende Ufer hinab, und das weiche, kühle Wasser stieg empor an seinem schönen, jugendlichen Körper. Seine Glieder schimmerten wie Marmor so weiß durch das Wasser, seine Arme streckte er aus nach der milden Fluth, als drückte er die Wellen, die er schlug, an sein erwachendes Herz.

Lorenz ging einer tieferen Stelle zu und stürzte sich kopfüber in den See. — So verschieden war bei beiden Männern das Erfassen dessen, was ihnen durch das Verbot zur süßen Sünde gemacht wurde.

Lorenz war verschwunden, der genoß die Lust in ihrem tiefsten Grunde, verhüllt vom krystallenen Mantel. Dominicus gab sich nur bis zum Halse hin, sein Haupt stand über der Fläche des Wassers im Sonnenschein. So versuchte er’s, ob der Mensch nicht zu theilen wäre, das Herz der Erde, das Haupt dem Himmel.

Nun, der Himmel schien heute mit dem Haupte allein nicht zufrieden zu sein. — Die Sonne hat seit einer Stunde einen guten Sprung niederwärts gemacht, die Wolkenmauern ragten höher, als vorhin, und ein weißlicher Schleier ging ihnen voraus, in welchen sich die Sonne nun verhüllen wollte. Sie that’s, wurde glanzlos und sank endlich ganz hinter die lichtberänderten Wolken. Da lag der Schatten über dem See, der um so schwerer war, je heller früher der Sonnenschein gewesen. Auch die Luft war schwer und schwül; im Walde sang kein Vogel, am Ufer hüpfte manch’ verlorenes Heupferdchen ohne Schutzengel herum, so daß es plötzlich im Wasser zappelte. Am Steinhange bewegte sich das Kraut der Wildfarrn, tief und schwer Athem schöpfend, träge auf und nieder. Nichts war zu hören, als dort das Plätschern der Felsenquelle und hier das Gischten der Schwimmenden. Lorenz war endlich emporgetaucht und von seinen schwarzen Locken, die in Strähnen über Stirne und Nacken lagen, rieselte das Wasser.