In diesem Moment kam unserem verzweifelten Kaiserjäger ein herrlicher Gedanke, er überlegte ihn nicht erst, er führte ihn gleich aus. Er warf seinen Mantel und seine Patrontasche um, er stülpte den Tschako auf den Kopf, er schloß die Thür des Vorzimmers ab, eilte auf die Gasse und marschirte in „Reih’ und Glied“ mit den Anderen dem Bahnhofe zu.
Die Ausführung des Planes gelang so leicht und ohne alles Hinderniß, daß einem schreibseligen Erzähler hier kaum etwas zu bemerken übrig bleibt. Selbst in Mürzzuschlag ging um Mitternacht das Aussteigen, ohne bemerkt zu werden, das Sichverlieren in den Hallen des Bahnhofes und das Hineilen über die Flur gegen das bewußte Bauernhaus hinauf einfach und ohne die geringste Beschwerde.
Jetzt wirst Du an das wohlbekannte Fensterlein klopfen, und Minna wird es öffnen und ausrufen: „Josef, Josef! Ei, das ist nicht möglich!“ — Aber es ist doch möglich und Du bist da, und wenn Du sie umarmest und küssest, so wird sie es begreifen — aber in zwei Stunden mußt Du wieder auf dem Bahnhofe sein.
Josef ist glückselig.
Er athmet die frische Alpenluft, er sieht und fühlt die Heimat wieder, wenn auch im Dunkel; das Heimatland ist selbst mitten in der Nacht schöner, als die Fremde im klaren Sonnenschein. Und dieses Süße und Wohlige war doch nur Zierde und Umrahmung zum bewußten Fensterlein.
Jetzt kommt er zum Hause, naht der rückseitigen Kammerwand und klopft an’s Fensterlein. Es bleibt still. Er klopft mehreremale und lauter; jetzt hört er etwas im Innern, es ist ein langgezogenes Schnarchen. „Minna!“ ruft er leise und klopft noch stärker; wenn er wegen Minna einmal von Laibach nach Mürzzuschlag fährt, so schlägt er wohl auch noch die Scheibe ein!
In unserem Kaiserjäger steigt schon der Aerger auf, aber in dem Momente wird seine Aufmerksamkeit vom Fenster ab und auf was Anderes gewendet. Plötzlich packen ihn nämlich ein paar rauhe Hände am Rockkragen, reißen ihn zurück, und schon sausen verschiedenartige Körper auf seinen Rücken nieder. Er stemmt, er wehrt sich, aber der feindlichen Hände sind vier und sechs geworden. Es läßt sich in einer solchen Situation nicht viel Vernünftiges denken, aber unter all’ den lebhaften Eindrücken, welche die sonderbare Umgebung auf Josef machte, rang sich in ihm doch die Frage empor: „Teufel, wer prügelt mich da?“
Diese Worte waren wie ein Zauberspruch. Wie auf’s Commando ließen die Hände und die Stöcke ab, und drei Stimmen riefen zugleich: „Himmel und Erde, der Josef! Aber Josef, wie kommst denn Du hierher?“
Der schob sich den Rock und die zerknitterte Patrontasche zurecht und brummte.
„Wenn wir Dich etwa geschlagen haben, Josef, so verzeih’ uns, wir haben gemeint, Du bist der Bachnatzl, der in jeder Nacht zum Fenster unserer Schwester kommt und Minna keine Ruh’ läßt.“