So hatte der Fritz erzählt und desweg die helle Verwunderung im Almwirthshaus.

Da war zufällig die Agatl, die junge Schwaigerin (Sennin) von der Schoberalm im Hause gewesen, als der Bote Solches und Mehreres lautbar gemacht hatte. Und Agatl ging jetzt gedankenvoll, wie noch selten, ihrer Hütte zu. — Wenn es richtig war, daß die uralten, hochgelehrten Herren kommen auf die Alm und ’leicht auch in die Schoberhütte, dann mag sie wohl was vorrichten. Butter und Käs werden so Leut’ nicht mögen. Da stellt sie’s schon gescheiter an. Das Stubengesiedel scheuert sie rein ab und den Tisch deckt sie mit einem blühweißen Tuch und stellt eingefrischte Gentianen und Herbstzeitlosen drauf, und etwa noch etliche Heiligenbildchen dazu, daß die ehrwürdigen Herren sehen, die Schwaigerin Agatl weiß, was sich schickt. — Dann hat sie — die Agatl — auch noch extra was mit ihnen zu reden.

So wird’s gedacht. Dann naht der Tag des Ereignisses. —

— Die Gelehrten waren von allen Gauen Deutschlands zusammen gekommen in die freundliche Murstadt, um sich gegenseitig kennen zu lernen, schöne Reden zu halten und auf das Wohl der Wissenschaft und auf die Einigkeit des großen deutschen Vaterlandes steierischen Wein zu trinken. Welch’ ein Aufsehen hatte es daher gemacht, als zu Graz in jenen Tagen, in welchen an den Wohnungen aller Freisinnigen Kränze prangten und Fahnen flatterten, auch an der hohen Thurmspitze der Dominikanerkirche eine schwarzgelbe Fahne wehte — eine Huldigung der freien Wissenschaft. Alle frommen Herzen waren außer sich über diesen unerhörten Frevel der Dominikanermönche; am entsetztesten und rathlosesten aber waren — diese Dominikanermönche selbst. Sie waren unschuldig an der Beflaggung ihrer Kirche, die Fahne war über Nacht auf die Thurmspitze gekommen, und zwar auf ganz unerklärliche Weise. Kein Gerüste und keine sonstige Spur war an dem Thurme zu sehen und die Flagge oben am römischen Kreuze wehte in salbungsvoller Jubelstimmung hoch über der festlichen Stadt. Die geistlichen Herren hielten Rath, wie das arge Zeichen möglichst rasch da oben entfernt werden könne.

„Ein Gerüste bauen,“ meinte ein Sachverständiger, „kostet aber zweihundert Gulden.“

„Diese verfluchten Heiden!“ rief Einer.

„Wer den Fetzen ohne Gerüst hinaufgeschafft hat,“ sagte ein Anderer, „der soll ihn auch ohne Gerüste wieder herabtragen.“

Aber wer hat den „Fetzen“ hinaufgeschafft? Wo ist der Thäter? Die Polizei fahndete nach demselben, entdeckte ihn aber nicht. Endlich am zweiten Tage, nachdem sich Graz an der Dominikanerfahne sattsam belustigt und die Mönche sich daran sattsam geärgert hatten und immer noch rath- und thatlos waren, nachdem aber Viele auch die Muthmaßung ausgesprochen hatten, es sei ja möglich, daß der liberale Orden der Dominikaner es mit der neuen Wissenschaft halte — meldete sich ein alter Militär-Veteran, ein ausgesuchter Turner und Kletterer, und erklärte sich bereit, für ein gutes Entgelt die Fahne vom Thurme herabzuholen. Die Dominikaner begrüßten einen solchen Retter in der Noth mit offenen Armen. Als aber der Veteran lustig an der Außenseite des Thurmes emporkletterte, oben kunstgerecht die Fahne losband und dieselbe mit einem lauten „Hoch“ auf die Naturforscher und auf Oesterreich schwang — da war es offen, kein Anderer als Der konnte die Flagge auf die Thurmspitze gepflanzt haben. Das unten versammelte Volk jauchzte ihm entgegen; doch unter diesen Jauchzenden lauerte auch die Polizei. Konnte aber die Polizei einen alten, braven Haudegen fassen, der auf hoher, wenn auch kirchlicher Zinne Oesterreichs Farben entfaltet und Oesterreich ein Prosit gebracht hatte? Unter den Mönchen aber war Einer, der die Zähne knirschte und die Faust ballte hinan gegen den Thurm. Dies sah der alte Soldat; allsogleich band er die Fahne wieder fest am Kreuze, stieg fröhlich den gefährlichen Weg wieder herab, die Flagge wehte oben wie vor und eh’, und die Menge umjubelte den Kletterer.

Nach vielem gütigen Zureden von Seite der Behörde verstand sich endlich der Veteran, die gute alte Reichsfahne von der Thurmspitze zu entfernen. Er bekam hierauf selbstverständlich seine reglementsmäßige „Straf’“, aber seine Richter blinzelten ihm heimlich zu, und dem wackeren Veteran soll es — weiß die Fama — sein Lebtag nie besser ergangen sein, als in jenen vierzehn Tagen, in welchen er seiner „gesetzwidrigen Handlung“ wegen im Arrest saß.