Diese Fahnengeschichte, hier als kleine Abschweifung erzählt, war das Lustigste bei dem Naturforschertage zu Graz. Im Uebrigen waren die Herren endlich des vielen Fetirens satt; Ausflüge in die schönsten Landschaften der Steiermark wurden veranstaltet und freudigen Herzens zogen die Gelehrten den grünen, lebendigen Bergen zu. Nach Hang der Charaktere, nach Art der Studien theilten sich die Wege. Der eine führt in die sonnigen Auen des Unterlandes zu alten, merkwürdigen Burgen und gastlichen Schlössern, zu den Weingärten und Gesundheitsbrunnen; der andere geht unterirdischen Zielen zu, wo in der Kohle, in den Versteinerungen die Spuren vergangener Jahrtausende ruhen, oder die Schätze des Metalls vergraben liegen. Der dritte Weg endlich leitet empor zu lichten, reinen Höhen, zu interessanten Steinen und Pflanzen, zu den Naturspielen der Luft und des Lichtes, zu den leichtlebigen Thieren und zu der kreuzsauberen Agatl. Mancher ist gar mit der Büchse ausgezogen.

Eine gute Anzahl hatte den Weg auf die Berge gewählt.

Als die Herren gegen die Radau kamen, gesellte sich der Pfarrer des Ortes zu ihnen, lud sie freundlich in seinen Baumgarten zu einem Glase Wein mit Zugehör und bat die Gäste schließlich, wenn sie auf der Alm, wo voraussichtlich viele Landleute versammelt sein würden, etwa irgend welch’ eine Begrüßung oder Rede zu halten gedächten: sage bei derlei Reden gefälligst Worte und Abhandlungen zu vermeiden, welche leichtlich geeignet sein könnten, die guten, einfachen Leute in ihrem alten Glauben zu verwirren. Er, der Seelsorger, halte diese Bitte für seine Pflicht. Des Weiteren möge Jeder sagen und thun, was ihm beliebe.

Ueber solche Maßregelung huben einige der Herren an zu murren: „Wenn uns das freie Wort verboten ist auf den Bergen, wo doch die Freiheit wohnt, dann lieber verzichten wir auf die Alpenfahrt!“ Und sie kehrten um, eine Stätte suchend, wo sie nach Herzenslust ihre Stimme ertönen lassen und ihren pathetischen Gefühlen Luft machen konnten. Der größere Theil jedoch versprach dem besorgten Seelsorger gern seine kleine Bitte zu berücksichtigen, maßen ja im Uebrigen ihr Wirkungskreis auf den Höhen des steierischen Arkadiens ein ganz unbeschränkter war.

Sie kamen zum Almwirthshause, wo der alte Fritz schmunzelnd im Winkel saß und sich an der Verwirrung der Wirthin ergötzte, die etliche Gläser in Scherben schlug, bevor es ihr gelang, die begehrten Erfrischungen auf den Tisch zu schaffen. Sie kamen zu den Halterhütten, wo in allen Gelassen neugieriges Bauernvolk lauerte, welches, die Gefahrlosigkeit der Situation einsehend, allmählich hervorschlich. Und sie kamen auch zur kleinen Behausung der Schwaigerin Agatl.

Agatl wurde, als sie die lustige Gesellschaft nahen sah, irre an der Welt und an sich selber. — Alte, weißköpfige, ehrwürdige Herren, auf Stäbe mühsam gestützt und jeder ein großmächtiges Buch unter dem Arm — so hatte sie es erwartet. Und jetzt zog singend und polternd ein Haufe junger, hübscher, schwarz- und blondbärtiger Männer voll Heiterkeit und Possen in ihre Hütte ein. Nur, daß sie noch rechtzeitig die Heiligenbilder unter die Bettdecke verbergen konnte — da stürmten sie auch schon in aller Lustigkeit in die Kammer. Die Herren nahmen sie keck an der Hand und streichelten ihr die erröthenden Wangen; dann wollten sie Milch und Butter haben für’s Erste; und trieben es lauter und unbändiger, als die Bauernburschen, wenn sie heraufkamen an den Sonntagen.

Und das — meinte die Agatl bei sich — sollten die Herren sein, die dem lieben Gott Vater die Welt hätten erschaffen helfen? Das sollten die großen Gelehrten sein, die — wie der Fritz erzählt hat — den Dampfwagen ausstudirt hätten, und den Telegraph, und das Zacherlpulver, und den Blitzableiter, und die Sonnenfinsternisse, und die Erdbeben, und das Photographiren (wie die Agatl ein Bildniß vom Hansel hat), und die Medicinen, die Salben für Gift und Gall’, und die künstlichen Kopfhaar’ — ’s ist ganz verwunderlich, was man schon hört in der Welt und was die neue Mod’ Alles aufbringt. Und von so leichtfertigen Leuten soll das Alles kommen? — Aber sauber sind sie und fein, ’s selb’ muß man ihnen lassen. Der dort mit dem falben Schnurrbart schon gar — ist hell noch blutjung. Der kann aber das Handdrücken, wie sie’s ihr Lebtag noch nicht so kräftig verspürt hat. Die Milchschüssel ist, gottsdank, so auf den Tisch gestellt, daß er, der Blutjunge, den Rahm mag „derlangen“. So simulirte die Agatl. —

Herr Doctor Willibald war er benamset, derselbige, welcher bei seiner Ankunft der jungen lebfrischen Schwaigerin so wacker die Hand gedrückt hatte. — Ein leiser Gegendruck, den er aber doch erklecklich wahrgenommen hatte, sagte ihm, daß er hier ein günstiges Object für seine Forschungen gefunden haben dürfte. Doctor Willibald war nämlich nicht blos Naturforscher, sondern insgeheim auch ein bißchen Philosoph und Aesthetiker und erforschte in des Menschengeschlechtes schönerer Hälfte gern die Herzen und Nieren.

Die meisten der Herren Naturforscher hatten sich draußen gelagert, „wo klingen alle Auen“. Dort erfreuten sie sich eines gesegneten Mahles mit Naturbraten und Naturwein, erfreuten sich der Naturschönheit und zwanglosen Natürlichkeit. Allmählich zogen sich die Landleute herbei, wurden zutraulich, zeigten den gelehrten Herren „Donnerkeile“, die in der Erde gefunden worden, „Irrwurzeln“, die im Walde wüchsen und Jeden, der „unbesinnt“ darauf trete, von dem rechten Weg ab und in die Irre führten; zeigten Walpurgisblümlein und Marienkraut, mit denen man „wetter- und butterhexen“ kann, zeigten „Hexeneier“, wie sie auf Moorheiden zu finden, und mehr solch’ merkwürdige Dinge, mit denen sie den gelehrten Herren etwas Neues vorlegen wollten, das gewißlich bisher noch nicht erforscht worden wäre. Aber die Herren waren mit Allem schon bekannt. Den Donnerkeil nannten sie Bergkrystall, das Hexenei war ihnen ein Pilz. Ueber die Irrwurzeln lachten sie und sagten: „Ihr lieben Leute steigt Euer ganzes Leben auf Irrwurzeln herum.“ Der Herr Doctor Willibald hingegen behauptete kurz und entschieden: es gebe gar keine Irrwurzel; das, was der Aberglaube so nenne, sei blos die Wurzel des Weiderich. — Uebrigens kümmert sich der junge Mann weder um den Weiderich, noch um seine Genossen, noch um die paar Jägersleute, die ein todtes Reh vorbeischleppten, welches sie einem Wildschützen abgejagt hatten. Während die Anderen draußen lustig essen und trinken, sitzt er am Herde bei der Schwaigerin und schwätzt.