Im Herzen des Hauptmanns wütete ein heißer Zorn. Er machte allen Ernstes den Versuch, das Gebirge hinanzuklettern, es ging nicht. Er fuhr zurück ins breite Tal, und auf einer Anhöhe stieg er aus und starrte hin in die Wände. Die Wände waren hoch und ätherblau, die Spitze des Gebirges, die weit dahinter lag, war nicht einmal seinem Auge erreichbar. Wenn er an die Beschwerden dachte, die von den Touristen etwa zu überwinden waren, als hartes Klettern, Sonnenbrand, Durst, Sturm, Frost, Erschöpfung, da wurde ihm leicht und tröstlich; wenn er sich aber vorstellte, wie sie auf grünen Matten rasteten, oder in Felsnischen saßen, aßen, tranken, scherzten, da wollte er vergehen vor Qual. Am Nachmittage suchte er bei seinem Kinde Linderung des Gemütszustandes. Der Knabe war im dritten Lebensjahre und trieb allerlei Ergötzlichkeit mit seinen hölzernen, rot angestrichenen Türken, mit seinen kleinen Zehen, mit des Vaters Schnurrbart und Nase, der Vater scherzte überlaut mit dem Kinde, blickte dabei immerfort auf die Uhr, die es heute so gar nicht vorwärts brachte.

»Papa!« sagte der Kleine plötzlich, »werden die Studenten Mama wieder zurückbringen?«

Gegend Abend stand er immer nur am Fenster. So oft er auf der Gasse Schritte oder einen Wagen hörte, steigerte sich seine Spannung. Zum Nachtmahl bestellte er ihr Lieblingsgericht, Forellen mit Artischocken. Es ward neun Uhr, es ward zehn Uhr, sie kam nicht. Die Nacht war finster und schwül, manchmal leuchtete ein matter Blitzschein auf. Der Hauptmann legte sich zu Bette, aber als der Tag anbrach, hatte er noch kein Auge geschlossen. Am Vormittage stellte sich sein Schwager Hans ein, der sehr aufgeweckt war und versicherte, daß sein Fehltritt über die Zaunstiegel sich schon wieder bekehrt habe.

»Zum Teufel, wer kümmert sich um deinen Fehltritt!« rief der Hauptmann, »wo meine Frau ist, will ich wissen.«

»Sind sie noch nicht da?« fragte der Leutnant überrascht. »Also müssen sie in den Fölzerhütten übernachtet haben.«

»Mensch!« sagte der Hauptmann und umklammerte mit ehernen Fingern den Arm des Schwagers, »Mensch, hast du denn wirklich keinen Hauch einer Ahnung von dem, was Frauenehre ist!«

»Mit solchen Begriffen, lieber Freund, plagt sie sich selber nicht,« antwortete Schwager Hans. »Bei Hirtinnen nimmt man's nicht so genau.«

»Und was man so Ritterlichkeit nennt unter Brüdern,« sagte der Hauptmann mit niedergedämpfter Wut. »Du hast dich zum Begleiter meiner Frau, deiner Schwester, gemacht und hast sie fremden jungen Männern überantwortet. Die einzige Dame mit Studenten auf einer Bergpartie, in Alpenhütten … Man muß Sägespäne im Kopfe haben …«

»Na, erlaube mir!« fuhr der Leutnant auf, »in diesem Tone lasse ich von meiner Schwester nicht sprechen!«