Anders der Hauptmann. Ob heller Sonnenschein den weiten Talkessel füllte bis zum Überschäumen, oder ob schwere Wolken über dem Tale lagen, wie ein eherner Deckel mit Arabesken, den Hauptmann zog's hinaus. Mit mühseligem Schritte ging's voran, aber sein Antlitz war erfüllt von Naturfreude, und sein Auge war offen für alle Vorgänge in Flur und Wald und Wasser und Stein und am hohen Himmel. Dann saß er am Feldrain und blickte hinaus in das Bergrund, dessen Linien mit einem Ätherhauche sanft verschleiert waren, so daß die Felshäupter und Almkuppen doppelt weit entfernt und doppelt hoch erschienen. Und der Grund des Tales lag da wie ein Schachbrett mit den durch graue Holzzäune geteilten Quadratchen seiner grasgrünen Wiesen und strohgelben Felder; darauf die Figuren der Höfe und Baumgruppen und der alten Burg, die auf einem Felskopfe stand. In der Sohle Tiefe lag eine weiße, stellenweise breit auseinanderquellende Sandriesel, in der sich jetzt ein winziges Bächlein schlängelte, fast verschmachtend wie eine Forelle auf dem Trockenen. Der Hauptmann freute sich an all der Augenweide, aber in seine Freude klang leise, ganz leise ein Glöcklein des Schmerzes. – Dann humpelte er durch das feuchte Dunkel des Waldes, wo der Hauch der Germen und der Genzianen und der Zyklamen war. Was das Herz frisch wurde mitten in diesem ungeheuren Neste des Lebens! Doch, das Glöcklein in ihm klang fort, leise, aber immer und immer. – Wäre ich nicht allein! so quoll es einmal hervor zwischen seinen Lippen, denn im Grunde erträgt ein reges Herz die Freude nicht weniger schwer allein, als das Leid. Und die Natur, wenn sie in ihrer allebendigen Stille unter uns, über uns daliegt, um uns webt und leuchtet, eine ewige Harmonie der Kräfte auf der Wage unendlicher Räume, nur zum kleinsten Teil wahrgenommen, erfaßt von unseren Sinnen – sie wirkt schier beklemmend auf die Seele. Unsere Glücksahnung und Wohlempfindung darüber, daß wir ein Teilchen dieser vollkommenen, unzerstörbaren, unendlichen Größe sind, wird getrübt durch das Bewußtsein, daß es unmöglich ist, das Ganze, zu dem wir gehören, zu überschauen und zu begreifen. Uns beginnt zu bangen vor den allewigen Gewalten, so sehr ihre Erscheinungen unsere Sinne auch entzücken mögen, und wir fliehen zu geliebten Menschen, bergen unser zitterndes Herz an einer fühlenden Brust.
Etwas unstet stolperte unser Hauptmann dahin, wenn solche Gedanken und Empfindungen ihn bewegten. Da war es auch, daß er am See stand. Er setzte sich auf einen stumpfkantigen Stein, der von der Felswand niedergebrochen war und schaute hin auf die glatte Tafel, die mittendurch einen Sprung hatte, der eine Teil war der tiefschwarze Spiegel des Fichtenwaldes, der andere des lichten Himmels. Wie freundlich und wie kurz ist der Weg zu allen diesen Schönheiten, und wie leicht ist er zu gehen; ein wahrer Genuß für den, der gesunde Füße hat. Und doch ist niemand da, und die Bäume und die Steine und die rieselnden Ufer sind einsam, und der Mensch, der hier sitzt und hinausschaut … Muß man denn immer voller Mühe und Gefahr und anderen Args hoch hinaufsteigen ins tote Gestein? Ist die Schönheit denn nicht am schönsten, wenn man mitten in ihrem urheiligen Wehen und Weben steht? – Sie weiß es nur nicht, wie leicht sie das alles haben könnte, und sie sitzt zwischen Mauern wie eine Gefangene.
Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Mitten aus der stimmungsvollsten Landschaft ging er fast zornig fort und nach Hause. Seine Frau saß im Hofe, neben der Scheunenstiege auf einem Sockel und stickte. Nach drei Seiten waren die Mauern, an deren Ecken Strohhalme wirr niederhingen und Spinnenweben klebten. Die vierte Seite war von einem Holztore geschlossen, über das ein Stückchen Himmel hereinblaute. Emma wollte nicht einmal dieses kümmerliche Stück Ätherblau sehen, sie schaute auf ihre Arbeit und stickte. Die Magd fegte mit einem Besen den Hof aus, der Staub umwirbelte die Frauengestalt; sie hüstelte und kehrte sich nicht daran. Also trat der Hauptmann an sie heran und sagte mit freundlicher Stimme: »Emma, heute sollten wir doch zusammen einen kleinen Spaziergang unternehmen. Es ist zu himmlisch draußen. Komm!«
Sie bückte sich nach einer Nabel, die aber gar nicht hinabgefallen war, und antwortete ganz leichthin: »Nein, ich bleibe zu Hause.«
Er schwieg und ging allein wieder hinaus. Am nächsten Tage nahm er seinen Knaben mit, der aber hockte mitten auf der sonnigen Straße hin und beschäftigte sich mit Steinchen und Käfern und der Hauptmann blieb doch allein mit seiner Freude an der großen landschaftlichen Natur und mit seinem Drange, sie mit einem lieben Menschen teilen zu können. –
So war es in diesem Sommer und so war es im nächsten Sommer. Der Hauptmann ging allein und mühselig in der Gegend umher und Frau Emma saß daheim in den engen Mauern ihres Hauses. Sie sagte kein Wort davon, daß sie auch einmal hinaus möchte. In unbewachten Stunden aber war zum Fenster hinaus ihr Auge sehnsuchtsvoll gerichtet nach den Zinnen des Hochschwab, die über den Waldungen niederleuchteten. Da trat der Hauptmann wieder einmal zu ihr hin und sagte: »Liebes Kind, wenn du wüßtest, wie schön es ist da draußen auf dem Feldpfade, da drüben im Walde, am See!«
»Ja, ich kann mir's denken,« sagte sie und stickte.
»Auch dieser Sommer wird bald dahin sein,« fuhr er fort, »und du hast wieder nichts gehabt vom Landleben.«
»Ich bin ganz zufrieden hier im Hause,« war ihre Antwort.