Zehn Jahre war er alt, als eines Tages seine Mutter zu ihm sagte: »Daß du doch den ganzen Tag herumlaufen kannst! Wirst du denn nicht müde?«

Der Junge blickte sie verwundert an; müde sein, er wußte nicht, was das wäre. Noch am Abende wollte er nicht ins Bett, aber als er endlich drin lag, schlief er auch schon.

»Wenn du gar nicht müde wirst, so kannst ja mit mir einmal auf den Hochschwab gehen!« sagte die Mutter.

Da jubelte Fritz auf, klatschte in die Hände, hüpfte vor Freude auf einem einzigen Fuß herum und jauchzte: »Auf den Hochschwab! Auf den Hochschwab!«

Darüber freute sich nun auch der Hauptmann. Zwar äußerte er anfangs einiges Bedenken, das aber gründlich niedergeschlagen wurde. Sie würden sich einen Führer nehmen, wenn es sein müsse, übrigens wisse sie – Frau Emma – auf den Bergen wohl Bescheid. Die Vorstellung, daß seine zwei liebsten Menschen den großartigen Naturgenuß haben würden und er selbst sozusagen durch die Augen seines Weibes und seines Kindes die Welt wieder einmal vom hohen Berge aus anschauen könne, trug in dem Hauptmann den Sieg davon. Er versorgte sie mit allem Notwendigen und ließ sie gehen.

Und in einer kalten Tagesfrühe, als der Morgenstern aufstieg über den Bergen des Mürztales, verließen Mutter und Sohn das Haus. Ein Träger ging mit ihnen, der jedoch nach einigen Stunden überflüssig wurde, denn als sie auf den Höhen waren, hatten sie den Mundvorrat zum Teile aufgezehrt und die Überkleider angezogen. Was gab es da noch viel zu tragen! Die Frau nahm die Ledertasche an sich und schickte den Träger zurück.

Hauptmann Fortner saß wieder auf seiner kleinen Anhöhe, blickte zum Hochschwab empor wie einst, und dachte seinem Weibe nach wie einst. Aber heute nicht mit Trauer, sondern mit frohem Stolze. War doch er selbst bei ihr in seinem frischen, tapferen Söhnlein; an Seite dieses Ritters wußte er sie gerne. Und auf den Träger und Führer konnte man sich wohl auch verlassen. Also saß er da den lieben langen Tag über und genoß die Alpenherrlichkeit, als wäre er oben mit seinen lieben zwei Menschen. Am Abende wollte er ihnen dann entgegenfahren durch das Hochtal, denn die Rückkehr war noch für denselben Tag bestimmt. Aber am Mittage kam der Führer zurück und berichtete, sie wären allein oben und hätten ihn zurückgejagt. Für das erste kam jetzt ein Donnerwetter über den Mann, der seine ihm Anvertrauten verlassen hatte; dieser aber entgegnete, er hätte gemeint, den Weibern müsse man ihren Willen lassen. Und sie würden ja gar nicht auf die Spitze des Schwab wollen, sondern sich wahrscheinlich auf die grüne Alm hingelegt haben. Auch habe er andere junge Leute oben gesehen, die Kohlröslein und Edelweiß gesucht. Gegen Abend würden alle wohlbehalten wieder herabkommen. – Für das zweite ließ der Hauptmann sofort einspannen und fuhr durch das Hochtal hinauf, soweit der Weg fahrbar war. Als dieser in einer breiten Sandhalde sich verlor, stieg der Hauptmann, aus und wollte es mit der Krücke versuchen, emporzusteigen. Da kamen sie herab. Einige Knaben waren es, Hirten und Bauernjungen, und mit ihnen auch der Fritz.

»Seid ihr da?« rief ihnen der Hauptmann entgegen.

»Ich will nicht fahren, Papa!« schrie Fritz, »wir wollen zu Fuß gehen und Krebse fangen. Ich bin gar nicht müde.«

»Wo ist die Mutter?« fragte er.