Da stutzte der Junge.

»Mama wird ja voraus sein,« sagte Fritz. »Der,« er deutete auf einen anderen Knaben, »der hat gesagt, daß sie voraus ist.«

Hierauf erzählte Fritz: Als sie oben an den Felsen gewesen, habe er die Knaben gesehen, die im Gewände Blumen gesucht hätten. Er habe sie gekannt und sei zu ihnen hingelaufen, und sie hätten einen Hut voll schöner Rosen gefunden. Dann sei ein anderer Bub gekommen und habe gesagt, Mama wäre wohl schon hinabgestiegen, und dann wären sie auch eilends hinabgegangen. – So war der Junge nun da und die Mutter nicht mit ihm. Dem Hauptmann ging es kalt wie Stahl ins Leben. Da er gesehen, daß es für ihn unmöglich war, hinanzuklettern, fuhr er eilends zurück ins Tal und bot Leute auf, sein Weib zu suchen. Am späten Abend stiegen sie an, aber am nächsten Morgen waren sie noch nicht zurück. Fritz schlief in derselben Nacht so fest und süß, daß in dem verzweifelten Vater ein Haßgefühl erwachte gegen sein eigen Kind, das so sorglos und leichtsinnig sein konnte, die Mutter auf wildem Berg zu verlassen und dann daheim im Federbette gottlos ruhig zu schlafen.

Am nächsten Mittag war noch niemand zurück. Am darauffolgenden Abende kam einer der suchenden Männer, um zu fragen, ob sie nicht etwa doch schon zu Hause sei.

»Unseliges Kind!« rief der Hauptmann, den Knaben rüttelnd, er wollte ihn würgen und küssen zugleich. – Unseliger Mann! so widerhallte es dumpf in ihm. – Denn die Ahnung war zur Vermutung, diese zur Wahrscheinlichkeit, diese zur Gewißheit geworden: Sein Weib war geflohen, entführt. Alles war angespielt gewesen, sie hatte den arglosen Knaben im Gebirge wohl fortgeschickt, war von dem Buhlen sicher schon erwartet worden unter den Wänden, war mit ihm jenseits in die Gegend der Salza davongeeilt, nach dem Österreicherland, in die weite Welt. Also endet's mit dieser Ehe …

Herr Hauptmann, wir bitten um Urlaub. Bevor wir das Schlimmste annehmen, wollen wir uns doch selbst auf die Suche machen nach der Frau.

Als Frau Emma den Träger zurückgeschickt hatte, stieg sie mit dem Knaben munter die Matten an. Sie hatte Mühe, Fritz vorwärts zu bringen, an jeder Blume, an jedem Käfer blieb er hängen. Nur das, was greifbar, faßbar, fangbar und tragbar war, machte dem Knaben Lust, alles andere war für ihn nicht da. Endlich kamen sie in das Gebiet der Steine. In wuchtigen Blöcken, in sandigem Schutt, in starrenden Wänden waren sie da. Ringsum steile, zerrissene Felsen. Sie waren in ein Kar hinaufgegangen und in einen Hochkessel hineingekommen, wo kein Halm und kein Zirm mehr stand – alles kahl und starr. Sie kehrten um, bogen um eine Wandrippe, und da war es, daß Fritz die Knaben sah drüben am grasigen Hang zwischen Zirmbüschen und grauen Steinen. »Gemsen! Gemsen!« hatten sie geschrien, da begann Fritz zu laufen und zu klettern und in wenigen Minuten war er bei den Knaben. Die Mutter freute sich anfangs, daß er Genossen gefunden, sie setzte sich auf einen Stein um zu warten, bis sie herüberkämen vom Hang. Dann wollte sie sich mit ihrem Jungen auf den weiteren Anstieg machen. Sie kamen aber nicht, und als die Frau endlich aufstand, um über den Zirmbusch hinüberzuschauen, waren sie nicht mehr zu sehen.

Nun begann sie zu rufen nach dem Fritz. Die Rufe schlugen an die Felsen. Der Knabe kam nicht und war nicht zu sehen und nicht zu hören. Jetzt begann ihr plötzlich bange zu werden. Sie hub an, zwischen dem Gezirm hinzuhuschen, mit Händen und Füßen über Felsklötze zu klettern, in großen Sprüngen von Stein zu Stein zu setzen. Sie kam an den grünen Hang, wo früher die Knaben zu sehen gewesen, sie sah und hörte keinen. Sie blickte in die Tiefe, wo es wie ein dunkelgrüner See lag, es war ein Zirmschachen; nirgends ein Mensch. Sie kletterte anwärts in einer steinernen Runse, wohin konnten sie anders sein, als da hinauf, denn an beiden Seiten waren die Wände. Sie kam in eine Wandfalte hinein, in der Schutt und Schnee lag: auf dem Schnee war keine Spur eines Menschenfußes. Jetzt suchte sie zu einem Felsrücken hinanzuklettern, um weiteren Blick zu gewinnen. Aber als sie auf dem Grate stand, war vor ihr ein zweites Grat, das noch schärfer hervorsprang und ihr also wieder die Aussicht deckte. Sie kroch über die breite steile Runse auf allen Vieren quer hinüber, sie arbeitete sich empor an den starren Felsrücken. Der Blick war jetzt frei in ein tiefes Felsental, an beiden Seiten finster ansteigendes Gewände, auf den Zinnen Nebel, in den Tiefen Schatten. Hart vor den Füßen der Frau ein schwindelerregender Abgrund. Und von ihrem Fritz keine Spur. Schon bluteten ihr Hände, Füße und Knie, aber keine Müdigkeit. Sie wollte den Weg, den sie gekommen zurückeilen, verlor aber die Richtung. Sie kam an eine Stelle, wo noch ein kleiner Vorsprung war, dann aber der Grund, auf den man einen Fuß stellen konnte, jäh aufhörte. Sie wollte zurück, sah aber, daß sie aus einem Abgrund heraufgeklettert, an dem der Rückweg unmöglich war. Nun, da stand sie oben. Wie in der Kirche ein Heiliger an der Wand, so stand sie da oben, konnte nicht weiter. Alle Glieder zitterten ihr, auf der Stirn kalter Schweiß, blaue Flammen, rote Funken vor den Augen, sie sank hin aufs scharfe Gestein.