Als Frau Emma wieder wach wurde, wußte sie nicht, wo sie war, glaubte zu träumen, griff mit der Hand nach links, nach rechts, um ihr Bettgewand zu tasten. Kaltes feuchtes Gestein. Jetzt besann sie sich mit heißem Schreck ihrer Lage. Ringsum Nacht, am Himmel Sterne. »Fritz!« schrie sie gellend. Er war nicht da. Sie sprang auf, um trotz der Dunkelheit hinabzusteigen, sie glitt aus und rasch ging's in die Tiefe.
Als sie das zweitemal erwachte, loderte vor ihr ein Feuerbrand. Die Sonne war emporgestiegen, Frau Emma lag in einem Zirmstrauch, halb noch getragen von den buschigen Armen. Allmählich kam sie zu sich. Da sah sie, es war alles verloren. Denn hier, wo sie lag, war seit der Weltschöpfung kein menschlicher Fuß noch gestanden, es konnte an den senkrechten Wänden keiner heran und keiner davon. Wie das hier alles hübsch beisammen ist: zu Füßen das Grab für den Leib, zu Häupten der Himmel für die Seele. Grausig schön standen die hohen Felsen ringsum in Morgenglut und grausig einsam! – Und dort draußen, weit hinter den kahlen, niedrigen Riffen blaut das Waldland. Sanft und weich wie eine Wiege liegt der Talkessel zwischen zahmen, waldigen Bergen. Frau Emma hatte ihre Taschen ausgesucht nach Brotkrumen, denn der Mundvorrat war unterwegs geblieben. Dann blickte sie empor die senkrechte Wand über ihrem Haupte, ob nicht ein Striemlein Wassers herabrinne. Wie war alles dürr! Sie wußte wohl, dieser lechzende, klebende Gaumen mit dem widerlich bitteren Geschmack war der Anfang vom Sterben. – O lieb Gelände dort draußen mit den Auen, mit deinen heimlichen Wäldern! Voller Leben! Voller Leben! Und ich konnte dich verschmähen, du heiteres Paradies! – Mein Mann! Wie hat er unzähligemale meine Hand gefaßt! Jetzt kann ich diese treue Hand nicht mehr erreichen! Allein ließ ich ihn wandeln zwischen Blumen und frischen Wäldern hin und mein Sinn war steinernes Hochgebirge. Jetzt bin ich in dir, du furchtbare tödliche Welt. Dort unten war Liebe, Freude, Glück in hundertfachen Formen, ich habe alles versäumt. Verliebt in das Hochgebirge! Habe ich nicht einmal damit geprahlt? Nun vergehe ich in dir. Mein Mann, mein Kind, mein junges Leben! – In solch herzversengenden Gedanken verging Stunde um Stunde. Und als die Sonne hoch über den starren Zinnen stand, und der Fels glühte und das verlassene Menschenherz im Verschmachten war, da lebte das Auge noch einmal auf. Sind dort unten im Kar nicht schwarze Punkte, die sich bewegen? Das bereits entfliehende Leben, stürmisch drängt es wieder zurück ins Menschenwesen. Als ob nie eine Müdigkeit, nie ein Verschmachten gewesen wäre, so erhebt sich das Weib über dem Zirm und winkt mit dem weißen Tuche und ruft: »Hier! Hier! Ferdinand!« Nicht mehr das Kind ruft sie, den Mann ruft sie, denn all ihr Fühlen und Sehnen und Lieben ist zurückgekehrt zu ihm. Und ihre einzige, alleinzige Erquickung zu dieser Stunde das Bewußtsein, daß sie ihn nie betrogen.
Was Menschen vermögen, wenn es gilt, einen der Ihren zu retten! Koste es was es wolle, und wäre es ein Fürstentum. Und Wunder wirkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit, es überwindet die äußere starre, herzlose Natur. – Schon zu dämmern begann es, als die Stricke geschleudert wurden von Fels zu Fels, von Kante zu Kante heran bis zum Zirmstrauch, zur Felsenbrust, um ihr dieses verzagende Menschenleben noch abzuringen. Bei Fackelschein wurde sie hinabgetragen und um Mitternacht lag sie auf dem taufeuchten Rasen der Matte und schlief. Und als wieder der Morgen dämmerte, lag sich das Ehepaar unter krampfhaftem Schluchzen in den Armen und daneben in seinem Bettchen schlief göttlich leichtsinnig der blühende Knabe.
Also ist es geschehen und also hat Frau Emma erfahren, daß die Waldberge besser und schöner sind, als die Felsen, und daß der Mann verläßlicher ist als das Kind. Und dem Hauptmann ist es eingefallen, daß es vielleicht nicht allemal gut ist für den Ehegatten, gleich das Schlimmste zu befürchten, wenn die Frau aus seinem Bereiche tritt.
Frau Emma ist nicht mehr auf den Hochschwab gegangen, weder mit Studenten, noch mit ihrem Knaben. Sie ist an heiteren Sommertagen auch nicht mehr in ihrem Zimmer gesessen oder im staubigen Hofraum. Arm in Arm mit ihrem Manne, und gleichsam seine Krücke, ist sie gegangen über die blumigen Auen, durch die grünen Wälder und entlang am stillen blauen See. Ein Glück ist gekommen über beide, von dem sie in langen Jahren keine Ahnung gehabt. Wenn sie im Tale so dahinwandelten, mußte Frau Emma nur eins vermeiden – den Blick auf das Gebirge des Hochschwab. Denn wenn sie hinter den Waldkuppen die kahlen Felsriesen aufragen sah, da wurde ihr übel.
Scheintod.
Bis zum Jahre 1869 lebte ich in der Residenz, wo ich an der technischen Hochschule als Assistent im physikalischen Kabinett und später als Professor tätig war. Im Jahre 1869 wurde ich zum Bürgerschuldirektor im Landstädtchen B. ernannt. Im Vorfrühling des besagten Jahres übersiedelte ich mit meiner Familie an den neuen Bestimmungsort. Meine Familie bestand aus der Gattin, mit der ich im neunten Jahre vermählt war, ferner aus zwei Kindern, einem Knaben von sieben und einem Mädchen von sechs Jahren. In B. bezogen wir eine geräumige und freundliche Wohnung und richteten uns fröhlich ein. Ich hatte mir in der Residenz die nötigen physikalischen und chemischen Instrumente nebst einer kleinen Sammlung von Mineralien, Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen Dingen erworben, wie sie jeder Schulmann besitzen soll. Ich stellte diese Gegenstände in meinem geräumigen Arbeitszimmer auf; meine Gattin schmückte die Fenster mit ihrem kleinen Herbarium und freute sich der reinen Sonnenstrahlen, die hier nicht mehr von großstädtischem Staub und Nebel zurückgehalten wurden, sondern hell und lieblich auf die zarten Pflanzen und jungen Bäume fielen.