Die Kinder ergötzten sich an dem Vogelgezwitscher vor den Fenstern, hüpften um die Mutter, wenn sie emsig die neuen Verhältnisse ordnete, sprangen in meinem Arbeitszimmer herum, waren stets geschäftig und gelehrsam, und der Knabe versuchte manches Instrument, das ich in den Stand setzte und einübte, auch zu handhaben, und zu seinem Jubel häufig mit Erfolg.
Am glücklichsten waren die Kinder, wenn wir die Elektrisiermaschine spielen ließen, deren Strom uns durchzuckte und die Haare gegen Berg trieb. Bald verstand es der Kleine, selbst die Batterie vorzubereiten und das Experiment auszuführen.
So waren wir alle recht heiter und ich ahnte nicht, welche Schrecken und welcher Jammer in diesem Hause sobald über mich kommen sollten.
Meine Gattin, von Natur aus etwas schwächlich und nervös, zuvor kaum einmal aus der gewohnten Atmosphäre der Großstadt gekommen, fühlte sich z. B. gleich in der ersten Zeit, wahrscheinlich infolge der schärferen Luft und der häufig wechselnden Temperatur, angegriffen. Sie achtete es nicht, bestellte, als der Schnee geschmolzen war, den kleinen erworbenen Garten – glücklich darüber, ihren Lieblingswunsch erfüllt zu sehen und endlich einmal einen Hausgarten zu besitzen. Wie kurz war ihre Freude! – Am 18. März fiel sie plötzlich ein heftiges Fieber an, am 19. konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. In der ersten Zeit ihrer Krankheit lag sie in steter Fieberhitze und zweimal in Delirium; in der letzten Zeit war sie ruhiger, weil erschöpft, und oft lag sie stundenlang in einem ohnmachtähnlichen Zustande. Von den beiden Ärzten des Städtchens war fast immer einer am Bette der Kranken; am sechsten Tage der Krankheit, als eine Art Krisis eingetreten zu sein schien, telegraphierte ich an einen der berühmtesten Ärzte der Residenz, Professor R. Dieser langte noch an demselben Tage ein; ein Konsilium wurde abgehalten und als Resultat desselben mir bedeutet, daß ich mich wohl für alle Fälle gefaßt machen müsse.
Professor R. reiste wieder ab, nachdem er der Patientin ein hoffnungsreiches und mir ein trostloses Wort zugeflüstert hatte. Ich kam nicht vom Bette der Gattin; sie schlummerte zumeist, nur manchmal schlug sie die Augen plötzlich wie erschreckt auf, blickte hastig um sich, sah mich dann betrübt an, oder tat mir wohl auch den Gefallen, ein wenig zu lächeln. Sie sagte mitunter einige Worte, die ganz deutlich und verständig waren, und verfiel dann bald wieder in den Schlummer. Ihre Gesichtsfarbe war sehr blaß geworden, nur bisweilen waren rote Flecken auf ihre Wangen, auf ihre Stirn gehaucht. Der Puls war auf 134 und 140 Schläge in der Minute.
Die Kinder waren vom Krankenzimmer abgesondert; die Kranke fragte mehrmals nach ihnen, ich gab ihr die besten Auskünfte über das Wohlbefinden der Kleinen, und so beruhigte sie sich stets.
Am 26. März in der Morgenstunde war's, als sie mit größerer Entschiedenheit als sonst nach den Kleinen verlangte. Wir sagten, sie schliefen noch.
»So weckt sie auf!« sagte sie mit heller Stimme, »ich muß sterben und will noch einmal meine Kinder sehen!«
Mir fuhr das Wort wie ein Messer durch's Herz.