Die Wärterin brachte die Kinder herein.

»O, kommt, ihr armen Wesen!« rief ihnen die Mutter halb aufgerichtet mit ausgestreckten Armen entgegen, »ihr habt keine Mutter, ihr lieben Kinder, ihr lieben Kinder!« Sie herzte und küßte den Knaben, das Mädchen und wieder den Knaben, und ein Tränenstrom ergoß sich über die Wangen.

Die Wärterin wollte die Kleinen wieder entfernen, allein die Kranke wehrte sich dagegen, preßte das Mädchen an ihren Mund, den Knaben an ihr Herz; mit sanfter Gewalt wollte man ihr sie entreißen, da rief sie laut: »Ich lass' sie nicht, ich lass' sie nicht von mir! – Jesus, Maria und Josef!« Mit diesem Schrei sank sie zurück auf die Kissen.

Wir stürzten um sie zusammen, sie war regungslos, ihr Auge war starr. Die Pflegerin wollte ihr einen Taschenspiegel an den Mund halten, wahrscheinlich, um die Atemlosigkeit zu bezeugen. Ich erinnere mich nur noch, daß ich ihr den Spiegel aus der Hand schlug – weiter weiß ich nicht mehr, was in jener Stunde vorgegangen ist. –

Als ich wieder erwachte, saß ich im Lehnstuhl eines anderen Zimmers; der Doktor stand neben mir und aus meinem entblößten Arm rieselte ein Blutquell ins Becken.

Der Aderlaß soll nötig gewesen sein. Bald besann ich mich auf alles, was geschehen war, und verlangte nach meiner Frau. Sie hielten mich zurück, versuchten mich zu trösten und vorzubereiten.

»Lasset das,« sagte ich, »ich weiß ja, daß sie tot ist. Ich will auch jetzt nicht zur ihr; lasset mich allein oder bringt die Kinder zu mir.«

Sie ließen die Kinder herein. Diese erzählten mir sogleich mit aufgeweckten Mienen, daß in meinem Arbeitszimmer Leute beschäftigt seien, die Wände und die Kästen und die schönen Instrumente mit schwarzen Tüchern zu verhängen. – Von meinem Arbeitszimmer ging die Tür in den Vorsaal, darum hatten sie es zur Aufbahrung der Toten gewählt.

Ein paar Freunde suchten mich zu einem Spaziergange in den Frühlingstag zu bewegen. Ich fühlte das Bedürfnis, die Tote zu sehen und an ihrer Bahre zu beten. Eben als ich eintrat, hatte sie der Totenbeschauer verlassen; noch war die Leinwand zurückgeschlagen von ihrem Haupte. Ich meinte, sie schlafe, ich wollte anfangs nicht glauben, daß sie tot sei. Zubald nur sah ich die bläuliche Blässe ihrer Lippen, das starre, gebrochene Auge zwischen den halbgeschlossenen Lidern; ich befühlte ihre kalten, erstarrten, fast bleifarbigen Hände.

Ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause, ging hinaus vor die Stadt und wandelte in halbbetäubtem Zustande. Spät gedachte ich meiner Kinder und eilte meiner Wohnung zu. Die Kinder waren bereits zur Ruhe gebracht; sie waren ja so früh geweckt worden. Dann waren sie an diesem Tage auch viel im Freien und im Hause selbst herumgesprungen und hatten sich manches Gegenstandes zum Spiele bemächtigt, der ihnen sonst versagt gewesen war. Sie hatten keine eigentliche Aufsicht, waren sich selbst überlassen, und so war dieser Tag ganz nach ihrem Geschmacke. Zwar soll das Mädchen dem Brüderchen wohl einmal den Vorschlag gemacht haben, in das schwarze Zimmer zu gehen und die Mutter zu wecken. Der Knabe mochte den Vorschlag auch ausführen haben wollen, verweilte jedoch am Mineralkästchen, an dem er das Tuch zurückzog und die Steinchen auseinanderlegte. Gerade wollte sich der Kleine auch an den elektrischen Apparat machen, um Funken zu erzeugen, wie er das wohl von mir oft gesehen hatte – als er aus dem Bahrzimmer entfernt wurde.