Mir hat man das erst später erzählt, weil es für sich doch nicht wichtig schien.
Am andern Morgen war mein erster Gang wieder zur Bahre. Die Blumen, die man in das Zimmer gestellt hatte, dufteten stark, die Lichter brannten still – an der Toten war keine Veränderung eingetreten; genau so, wie gestern, war sie auch heute zu sehen; die Zeichen der Verwesung hatten sich noch nicht eingestellt. Ich küßte ihre Stirn, dann kniete ich nieder und zog – wie es Sitte ist – ihr den Brautring vom Finger. Als das geschehen war, tauchte ich die kalte Hand wieder über ihre Brust hin, auf der ein Kruzifix lag – dann ging ich davon und mich in das Unvermeidliche fügend, suchte ich so viel Ruhe und Kraft zu gewinnen, um das Begräbnis anzuordnen. Sie hätten es auch ohne mich gemacht. Auf dem Friedhofe war bereits das Grab fertig; der Schreiner zimmerte am Sarge; der Singverein hielt die Probe der Trauerlieder ab und mehrere Frauen des Städtchens sandten Kränze.
Ich kehrte wieder zu meinem Hause zurück. Auf dem Betschemel vor der Bahr kniete mancher Fremde, dem es wohl im Gesichte zu lesen war, daß ihn nicht sowohl Teilnahme als vielmehr Neugierde hergeführt hatte. Dann kamen andere, beteten, flüsterten oder fuhren sich mit dem Sacktuch über die Augen, besprengten die Leiche mit geweihtem Wasser und gingen wieder davon. Zuweilen war gar niemand zugegen, und aus der geöffneten Tür starrte das Totenbild in den öden Vorsaal.
Ich ging auch davon. Ich mied die Menschen und ging gegen den Wald und dorthin, wo der Fluß über eine Wehr stürzte. Das Rauschen des Wassers tat mir wohl. Ich lag stundenlang am Ufer. Dann fielen mir wieder meine armen Kinder ein, die verlassen waren unter fremden Leuten in jenem Hause, in dem die tote Mutter lag.
Ich eilte heimwärts. Ich eilte über die Treppen zu meiner Wohnung hinan. Kein Mensch war da; selbst die Magd war ausgegangen, um irgend etwas zu holen. Es wären – dachte ich – wohl auch die Kinder mit ihr. Ich nahte der offenen Tür, die zur Bahre führte, und sah es bald, da drinnen war Unordnung angerichtet. Von der einen Wand, wo in den Kästen die physikalischen Apparate standen, war der schwarze Tuchverschlag herabgerissen. Einer der Kästen war geöffnet und die Elektrisiermaschine stand auf dem Fußboden. Das Mädchen hockte dabei und blickte besorgt auf seine Fingerchen. Der Knabe war zur Leiche emporgeklettert und kicherte. Und was ich nun sah, das ist über alle Beschreibung grauenhaft. Die Gesichtszüge der Toten zuckten und verzerrten sich, sie schlug die Augen auf und ihre Lippen bebten wie im Krampfe.
Ich glaube, daß ich im ersten Momente, da ich diese Erscheinung sah, über die Treppe hinabgestürzt bin und nach Hilfe gerufen habe. Sofort aber kam mir der Gedanke, sie ist wieder erwacht. Ich eilte in das Zimmer zurück. Das Mädchen auf dem Boden hielt die Maschine in Bewegung und ich sah, wie von dieser die Drähte um die Hand der Toten gewunden waren. Ich hörte das Knistern des elektrischen Stromes; der Knabe lachte laut, als das Antlitz und endlich auch das Haupt der Mutter sich mehr und mehr bewegte.
Mein erstes war, daß ich die Bahrleuchter umstürzte, der Aufgebahrten das Kruzifix von der Brust entfernte; dann riß ich sie empor, daß ihr Haupt an meinem Busen zu lehnen kam. Jetzt eilten schon Leute herbei, die vor Entsetzen aufschrien, mich für wahnsinnig hielten, bis sie an der Totgeglaubten die Lebenszeichen sahen.
Was nun folgte, weiß ich nicht; was in mir vorging, kann ich nicht erzählen; fast war mir wirklich zumute, alles sei Blendwerk und ich wäre in die Nacht des Wahnsinns gefallen.
Als die Wiedererwachte dann in ihr, oder vielmehr in mein Bett gebracht war, da man das ihre schon zerstört hatte, brachte mir ein Amtsbote ein gefaltetes Stück Papier. Es kam aus der Sanitätskanzlei. Es war der Totenschein meiner Gattin.
Die Kinder hatten ihre scheintote Mutter durch den elektrischen Strom zum Leben erweckt. Sie wurden nun ins Verhör genommen. Unbeaufsichtigt, wie sie waren, hatten sie sich in das Bahrzimmer begeben, hatten, unbekümmert um die Leiche, die Instrumente hervorgeholt, von welchen sie gestern verscheucht worden waren, und gedachten heute besonders am elektrischen Apparat, der stets der Gegenstand ihrer Wünsche gewesen war, ihr Mütchen zu kühlen. Sie wußten das Ding nach dem, was sie von mir gesehen haben mochten, trefflich in den Stand zu setzen. Anfangs mußte das Mädchen die springenden Funken aushalten, und tat es so lange, bis ihm die Fingerchen verbrannt waren. Hierauf belud sich der Knabe selber so lange, bis ihm alle Haare zu Berge stiegen. Und schließlich kam den Kindern der Einfall, die schlafende Mutter zu elektrisieren.