Noch vor Mitternacht dieses merkwürdigsten Tages meines Lebens war nach vielen entsprechenden Mitteln und Maßregeln die Wiedererstandene zu ihrem vollen Bewußtsein gekommen. Ihre Hände waren wieder weich, ihr Auge war wieder lebendig und klar, doch blickte sie verwirrt. Ich hätte ihr mögen an die Brust sinken und ihr die Wucht, welche in meinem Gemüte lag, ausschütten; die Ärzte aber beschworen mich, jede Aufregung zu vermeiden und es in allem ganz so zu halten, wie mit einem gewöhnlichen Kranken.
Nach Mitternacht verfiel sie in einen ruhigen Schlaf, aus dem sie gegen Morgen wieder erwachte. Sie suchte mit den Augen mich, wendete sich ein wenig zu mir und sagte: »Mein Freund, jetzt ist doch alles gut. Aber das ist ein schwerer Traum gewesen; – den möchte ich nicht ein zweites Mal träumen!« Und hierauf erzählte sie, es sei ihr gewesen, als läge sie auf der Bahre – viele Stunden lang. Man habe Anstalten getroffen, sie zu begraben, man habe schon den Sarg in das große Zimmer getragen; sie habe die Lichter der Bahre gesehen, habe jedes Geräusch, jedes Wort, das in der Nähe gesprochen wurde, ganz genau gehört, sei aber nicht imstande gewesen, einen Laut oder auch nur das mindeste Lebenszeichen von sich zu geben. Sie habe schon das gräßliche Geschick, lebendig begraben zu werden, vor Augen gehabt. Am schrecklichsten sei ihr das herzerschütternde Weinen ihres Gatten gewesen, der ihr schließlich den Ehering vom Finger gezogen habe. – Als sie dieses erzählte, hob sie ihre Hand gegen das Auge und stieß den Schrei aus: »Wo ist der Ring? Mein Gott, wo ist der Ring!«
Wir selbst alle im tiefsten Herzen erschüttert, suchten sie zu beruhigen, ihre Hand wäre in der Krankheit abgemagert, der Ring müsse zufällig vom Finger geglitten sein und würde sich leicht finden.
»O, nein, nein!« rief sie, »das ist kein Traum gewesen! Ich bin auf der Bahre gelegen!« Und sie verbarg ihr Gesicht mit den Händen und verfiel in ein solches Zittern und Beben, daß ihr ganzer Körper sich schüttelte und wir sie mit kräftigen Armen im Bette niederhalten mußten.
Die fürchterliche Aufregung, in der sie weinte, um Hilfe rief, mit Gewalt von dem Lager wollte und laut betete, dauerte etwa eine Stunde lang. Dann trat plötzlich die Abspannung ein.
Noch an demselben Tage, fast genau vierundzwanzig Stunden nach ihrem Erwachen aus dem Scheintode, ist sie gestorben.
Wieder versuchten wir den elektrischen Strom, aber vergebens. Die Geheimnisse der Natur sind unerforschlich; ich veranlaßte, daß noch einmal die Kinder den elektrischen Strom sammelten und leiteten – vergebens; die Schläferin wachte nicht wieder auf. Wir legten sie nicht mehr auf die Bahre, wir ließen sie auf dem Sterbebette ruhen, bis sich – und das dauerte nicht lange – die ersten Symptome der Verwesung einstellten.
Dann war das Begräbnis.
Nicht in jenes Grab ließ ich sie senken, das bestimmt gewesen war, die Scheintote aufzunehmen. Eine neue Stätte wurde ihr bereitet.
Möge sie im Frieden ruhen!