In der Einsam.

»Liebe Schwester!

Weil Du seit unserem Abschied, und das ist rund ein Jahr her, keine Nachricht von mir bekommen hast, so wirst Du wohl denken, daß ich nicht mehr am Leben bin. Und möchtest leicht recht haben. Wunder wäre es keins. Wenn ich Dir nur gefolgt hätt', wie Du abgeraten hast, jetzt weiß ich erst, was ich trotz allem Unglück gehabt hab daheim. Zur selben Zeit hab ich's alleweil nur besser haben wollen, jetzt möcht ich gar nichts mehr, wie sterben, und wie damals so kann ich auch jetzt meinen Wunsch nicht erreichen. Bei mir heißt's einzig nur warten und leiden, ewig wird's wohl nicht dauern und wenn's einen Himmel gibt, und ich komm einmal hinein, so verlang ich mir nicht mehr, als wie meine Heimat und meine Leut.

Das Land wo ich jetzt bin, heißt Brasilien und ein Vergleich mit daheim ist wohl keiner zu machen. Ich mag gar nicht anheben zu erzählen, wie anders es da ist. Ich tu in einer Sumpfgegend Wassergräben graben seit einem halben Jahr und verdiene mir dabei mehr Geld, als ich brauch, weil die Arbeit mein Liebstes ist, daß ich nicht verzage, und nach Unterhaltung und Vergnügen frag ich nimmer. Denk' Dir, meine gute Schwester, ich bin allein. Meine liebe kleine Angerl ist nimmer bei mir und das muß ich Dir erzählen, weil's mir noch immer 's Herz abdrucken will. Ich schreib mich hart, aber wenn ich noch lange warten tu, so kann ich gar nicht mehr, weil man hier die deutsche Sprache vergißt. Lernt dafür auch keine andere, wenn man mit keinem Menschen umgeht, wie sie da – aber nit von der besseren Gattung – aus allen Ländern zusammenkommen.

Aber das ist alles nichts. Das trifft andere auch so. Ich hab mein eigenes Unglück, das für einen einzigen Menschen zu schwer ist. Und doch hab ich schon tausendmal Gott gedankt, daß mein Weib das nimmer erlebt hat. Freilich, wenn sie noch tät leben, kunnt vieles anders sein, kunnten vielleicht gar noch in der Heimat sein, allzwei mit dem Kind. Das weißt ja alles, nur von unserem armen kleinen lieben Dirndel weißt Du's nicht.

Ist es nicht gerade an ihrem achten Geburtstag gewesen, wie wir von Triest abgereist sind? Du hättest sehen sollen, wie sie in ihrem blauen Kattunröckel gehüpft ist und die Handeln zusammengepatscht hat vor Freud: Nach Amerika! nach Amerika! Wie sie in allem ihrer Mutter ähnlich gewesen ist, so hab ich ja immer gesagt, die wachst auf zu meinem Trost und ist's auch im fremden Land: wo dieses Kind bei mir ist, da bin ich daheim. Also unterwegs. Viele haben die Seekrankheit bekommen, die kleine Angerl immer pumperlgesund und voller Faxen, daß oft ein Schock Matrosen umhergestanden ist auf dem Zwischendeck und sich mit dem lustigen Kind unterhalten. Ernsthaft ist sie nur worden am Abend, eh wir auf unseren Bündeln eingeschlafen sind und sie ihr Gebet für die Mutter gebetet hat. Einmal, wie ich drei Tage lang im Fieber bin gelegen, ist sie nit von mir gewichen, hat mir alles so gut und so gescheit zugetragen und versorgt wie eine Große – ganz wie ihre Mutter, wenn ich krank gewesen bin – und hat mich mit ihrem lieben Plaudern aufgeheitert und hat mir das Haar gekämmt mit den zarten Fingerln und hat immer einmal ein schnelles Küssel getan auf meine Stirn. Oft sind die Offiziere stehen geblieben und haben uns betrachtet, und die kleine Angerl ist so der Liebling geworden von allen, daß uns eine eigene Kammer angewiesen worden ist, obschon ich nur fürs Zwischendeck gezahlt gehabt hab.

Aber für so ein rühriges Wesen, wie ein gesundes achtjähriges Kind, ist ein Schiff viel zu klein; auf die Leitern aus Strickwerk, wie es überall ausgespannt, ist sie hinaufgeklettert, bin oft in Ängsten gewesen, es kunnt ihr was geschehen; die Matrosen haben gelacht über den »kleinen tapferen Kerl«, und schad, daß es kein Bub wär. So sind wir schon vier Wochen auf dem Wasser gewesen, nichts als Wasser und nichts als Wasser. Immer einmal in weiter Fern ein Schiff, wunderselten der Streifen einer Insel, der aber bald wieder vergangen ist. Die Stürme, die ich, wie Du weißt, so gefürchtet, sind nicht arg gewesen, und mein kleins Mädel hat immer hell gejauchzt, wenn sie Papierballen ins Meer geworfen hat, die nachher aus den Wellen lustig auf und nieder gewuppt sind. Oder hat sich gefreut über die Seemöven, die unserem Schiff nachgeflogen, oder über die Delphine und andere Tiere, die aus dem Wasser aufschnellen. Aber endlich, wenn alles ruhig ist gewesen und immer das gleiche, immer das gleiche, da hat das Mädel doch angefangen zu fragen: Vater, wann kommen wir denn nach Amerika?

Und da ist's gewesen, daß am Segelmast ein schweres Tau gespannt wird. Es dröhnt und summt, so scharf wird es gespannt. Da reißt es entzwei, schnellt auf das Deck nieder und trifft mein kleines Dirndel am Kopf. Das tut einen kurzen Schrei, taumelt hin, zu Boden – und vorbei ist's gewesen. Ich versteh's nit, wie ich das heut so ruhig ausschreiben kann.