Meine liebe Schwester! Unsere kleine Angerl hat's getroffen. Alles ist zusammengelaufen und der Schiffsarzt hat zwei Stunden lang gearbeitet. Es ist umsonst gewesen. Wie ein weißes Engerl ist sie dagelegen auf einem großen Bündel Garn, weiß bis in den Mund hinein zu den weißen Zähnlein und die Augen halb geschlossen und nichts mehr zu ihrem Vater, kein Hauch und kein Blick. Kühl und immer kälter ist ihr Handerl geworden in der meinen, bis sie mich endlich haben weggebracht – weiß nit, was dann gewesen ist.
So viel weiß ich wohl, daß ich noch einmal gestanden bin unter dem Mast und hingeschaut hab auf das gerissene Tau, das mein Dirndel erschlagen hat und jetzt wie eine tote Schlange dagelegen ist. Und hab umhergeschaut, auch auf die Garnbündel hin – und ist nit mehr dagewesen. Ins Meer habt ihr mir's geworfen! soll ich geschrien haben und nachspringen wollen über Bord. Sie haben mich gehalten und gesagt, mein Kind tät in der Kabine liegen. Und ist's gelegen auf seinem Bett, und kalt und das liebe Gesichtl ist schon fremd gewesen. Da hab ich wohl dran glauben müssen.
Und immer sind Leut um mich gestanden und all auf dem großen Auswandererschiff haben mich gekannt und untereinander gesagt: Das ist der Vater von dem erschlagenen Kind.
Sonst ist es Brauch auf den Schiffen, daß man die Toten ins Meer senkt, weil wir aber nicht gar weit von einer Insel gewesen sind, hat der Kapitän angeordnet, daß dort mein Dirndel sollt begraben werden. Auf einem Boot sind wir ans Land gefahren, unser drei Mann mit der Angerl. Eingewickelt in Segeltuch ist es gewesen und mit einem weißen Band umbunden, und vorn an der Brust ein hölzernes Kreuzl geheftet, das eine Auswandererfrau gespendet hat. So auf die fremde Insel. Es ist eine kleine unbewohnte Insel gewesen und aus dem Sand stehen ganz weiße Felszacken auf, die wir aus der Ferne für Segel gehalten haben, aber es sind turmhohe Steinriffe wie in unseren Alpen. Und hab ich auf der Insel eine Grabstatt gesucht für mein Dirndl. Am Ufer ist Sand – da nicht. Weiter hinten sind die Bäume und Sträucher, die in diesen Gegenden wachsen, auch schöne wilde Rosen – hab ich schon wollen den Spaten einhauen, und ringelt sich eine zischende Schlange an den Stiel, und hab ich mir gedacht, da nicht. Vor den Schlangen hat sie immer so arg Entsetzen gehabt. Bin ich weiter gegangen auf der Insel, über Sand und Muschelboden und Steine und über das Geschlinge der Pflanzen. Wilde Vögel hab ich pfeifen und andere Tiere schreien gehört, oft ganz in der Nähe gröhlen wie Schweine, aber keines gesehen. Und dieweilen die zwei Kameraden bei der Angerl Wacht gehalten, bin ich die Felsen hinaufgestiegen und hab gesucht nach einem Platzl, wo wir rasten könnten. Zwischen drei oder vier Steinzinken ist so eine enge Stelle und da hab ich angefangen zu graben in dem verwitterten Gestein. Ist einer von den zweien heraufgekommen, hat mir wollen helfen. Nein, laßt mich, ich mach das allein. Ganz warm und heil ist mir worden bei dieser Arbeit, seit mein Weib in der Ewigkeit ist, hab ich ja das Bettherrichten besorgt. Immer einmal hab ich mich aufgerichtet, meine Ellbogen an den Spatenstiel gestützt, hinausgeschaut auf das weite Meer und gedacht: Ist doch das ein seltsames Geschäft, auf einer fremden Insel im Meer sein Kind eingraben! – Gegen Abend ist es fertig gewesen; schön ist das Ding nicht worden, aber tief. Sie haben das Angerl hinausgetragen und hinabgelegt und hab ich ihnen die Schaufel aus der Hand genommen: zudecken wollt ich schon selber. Sie möchten zurückgehen auf das Schiff und ich tät mich bei ihnen und allen tausendmal bedanken für die christliche Lieb. Zum Angerl hab ich keinen Abschied hinabgerufen, weil ich mich daneben wollt niedersetzen auf einen Stein und sitzen bleiben, so lang es Gottes Willen ist. Die zwei Kameraden sind aber nicht von mir gegangen und ich sollt schnell machen, weil das Schiff wollt weiterfahren. Auf mich braucht ihr nicht zu warten, mein Verbleiben ist hier. Sie haben mir noch Zeit gelassen, haben ein paar Vaterunser gebetet, haben mich nachher an den Armen genommen, einer links und einer rechts, und haben mich fortgeschleppt von meinem kleine Dirndel. Das ist in der Einsam zurückgeblieben. Am Strand hab ich noch einmal umgeschaut auf die weißen Felszacken; vom Schiff aus hab ich noch einmal zurückgeschaut auf die Felsen, wo mein Kind ruht ganz allein zwischen den Steinen und wilden Tieren und wie es der Vater, mit dem es so freudig ist ausgezogen, treulos verlassen hat – allein auf dem Weltmeer.
So, meine Schwester, hab ich's müssen erleben. Du bist ja selbst Mutter, denk, es wäre Dein Kind. Denk's nit, Schwester, es ist wie sieben Messer in der Brust. Zehnmal habe ich mich hingesetzt, um Dir's zu schreiben, aber vor lauter Jammer nit können. Jetzt klage ich nicht mehr, jetzt, wenn der Feiertag kommt, setze ich mich auf einer Berghöhe nieder und schau hinaus aufs Meer, nach der Gegend, wo jene Insel liegt. Santa Maria haben sie die Matrosen geheißen, aber Du findest sie auf keiner Karte, sie ist zu klein. Und ich kann sie von meinem Berg aus nimmer und nimmer sehen, sie liegt viel hundert Meilen weit im Meer.
Von der Zeit nach dem Unglück weiß ich nicht viel zu sagen. Auf dem Schiff bin ich krank geworden, nach Wochen ins Südamerika gekommen. In der großen Stadt Rio de Janeiro, im Spital bin ich achtzehn Wochen krank gelegen. Ein deutscher Kaufmann hat sich um mich angenommen, bin nachher auf seiner Schiffsreede in Arbeit gewesen, bis ich mit einem Kameraden aus Böhmen in die Teichgräberei gekommen bin, wo jetzt mein Aufenthalt ist. Meine Adresse ist zu machen an den Herrn Wilhelm Klinde, Kaufherr in Rio de Janeiro, von dort bekomm ich den Brief schon, aber weiß nicht, wie lang's mit mir so fortgeht. Ich hab halt vor, bei einer guten Gelegenheit nach Santa Maria zu reisen, aber es ist kein Schiff, das dahin geht und wenn eins nicht zufällig dahin kommt, wie damals unser Auswandererschiff, so tun sie's überhaupt nicht. Also schläft unser Angerl dort verlassen und wenn es am Jüngsten Tag aufsteht, wird es wohl verwundert um sich schauen, daß es allein ist. Mein Gott, solche Gedanken sind hart. Vor etlichen Tagen sind es zweihundert Meter Länge gewesen, was ich gegraben hab. Ist mein Führnehmen gewesen, ich rast mich paar Tage aus. Aber es hat nicht sein können, so hab ich alleweil ihre Stimme gehört: Vater, Vater! Kommst denn gar nimmer zu mir, laßt mich ganz allein! Daß ich wieder zum Arbeiten hab müssen anheben, wenn ich nicht verrückt werden will. Denk mir oft, 's Beste wäre, so lange und ohne Aufhören arbeiten, bis du hinfallst und nichts mehr weißt von der ganzen Welt. Im Himmel wirst sie wohl finden. Aber, liebe Schwester, ich bin halt nicht genug Christ, und kann's nimmer aus dem Kopf bringen, daß das Angerl auf der Insel liegt mit Leib und Seel und auf den Vater wartet. Und tausendmal bereue ich, daß ich meines Kindes Grab verlassen hab.
Jetzt hab ich Dir mein Kreuz geschrieben, helfen kann mir wohl niemand. In andern Stücken geht's mir nit schlecht, aber das ist alles nichts. Mein einziger Trost, daß alles einmal ein Ende nimmt. Ich schließe mein Schreiben und sage: Gott zum Gruß, liebe Schwester. Ich wünsche, daß es Dir gut soll gehen in der lieben Heimat.
Dein getreuer Bruder
Mathias.«
So lautet der Brief, der vor etwa drei Jahren eingelangt ist an die Frau Johanna Loregger, Beamtensfrau im großen Eisenwerke Donawitz bei Leoben. Was hat Frau Johanna bitterlich geweint um den armen Bruder und das liebe kleine Angerl. Dann schrieb sie ihm einen Brief, daß er heimkommen möchte. Im Eisenwerk fände er Arbeit gegen guten Lohn, und sie, die Schwester, wolle ihm sein Kreuz tragen helfen. Da auf diesen Brief keine Antwort kam, so schrieb sie ihm nach einem Jahre das zweitemal und schickte ihm Reisegeld. Dasselbe kam nach fünf Monaten zurück, mit dem Bescheid, daß Adressat nicht auffindbar sei.