Da ließ Frau Johanna eine Messe lesen für seine arme Seele. Aber es war nicht das Ende, plötzlich kam von Bruder Mathias wieder ein Brief. Gut sah er nicht aus, dieser Brief. Er bestand aus verschiedenen zufälligen Papierstücken, wie man sie findet, oder lange im Sack umherträgt. Mit schlechtem Bleistift waren sie beschrieben und dann in einen gelben halbsteifen Bogen eingeschlagen und mit einem schwarzen Bindfaden zusammengebunden. Eine Freimarke trug der Brief nicht, hingegen eine Menge Poststempel, weil der Name Steiermark zu unleserlich geschrieben war.

Und dieser Brief hat folgenden Wortlaut:

»Auf Santa Maria.

Eh' das Schiff abgeht, Schwester, will ich Dir noch paar Zeilen schreiben. Werden wohl die letzten sein auf dieser Welt, wollen uns nichts draus machen. Meinen Brief vorigen Jahres wirst Du erhalten haben, wo ich Dir geschrieben, daß mir unser Angerl auf der Reise verunglückt ist. Jetzt ist mein Wunsch erfüllt. Ich bin bei meinem Dirndl. Mit dem Geld, was ich mir hab' verdient in Brasilien, hab ich ein Boot mit sechs Matrosen aufgenommen und sind zweiundzwanzig Tag gefahren. Gemeint hab ich schon, sie wär nimmer zu finden, die liebe Insel Santa Maria. Und weil auch schlechte Fahrt, so wollten die Matrosen umkehren. Bin ich grob worden und sie müßten ihr Wort halten, da haben sie mich ins Meer werfen wollen. Ich bitt noch um Geduld für drei Tag. Es ist so um Weihnachten gewesen, aber die Tage sind hier ganz anders und zum Christabend wollt' ich bei meinem Kind sein. Und schau, dasmal hat mich Gott nit verlassen, endlich sind die weißen Felsen aufgetaucht an der Kimmung. Wie wenn ich auf die Heimatserden tät treten, so ist mir gewesen, wie ich auf den Sand gestiegen bin. Meine mancherlei Sachen auf dem Rücken, habe ich die Matrosen abgelohnt und gesagt, sie möchten zurückfahren, oder hin, wohin sie wollten, um mich hätten sie sich nimmer zu kümmern.

Liebe Schwester, und dann bin ich landwärts gegangen über Sand und Muscheln und über die Schlinggewächse hin den weißen Felsen zu. Ich glaub, seit wir dazumal fort sind, ist kein Mensch hier gewesen. Kein Menschenfuß, nur wilder Tiere Spur. Wie dazumal, als ich sie allein gelassen, so still und ewig weit ist der blaue Himmel. Ich steig schnell zwischen den Zacken hinauf, als ob ich noch kommen müßt, eh sie aufwacht. Kann Dir nit sagen, Schwester, wie glückselig mir ums Herz ist gewesen. Jetzt komm ich zum Platzl hinauf und jetzt sitzt auf dem Grab ein Tiger. Ein großer wilder, gefleckter Tiger sitzt auf dem Grab meiner Angerl. Zuerst hat er den Kopf hingelegt gehabt auf dem Boden, wie er mich wahrnimmt, hebt er ihn und glotzt mich schreckbar an und setzt langsam die Tatze vor, als wollt er aufspringen und mich zerreißen. Meine Pistole hab ich im Bündel und kann sie nicht lösen; ist auch zu wenig für ein solches Tier. Ein Glück, daß das Boot noch nicht fort ist, so lauf ich hinab und sie möchten kommen und das wilde Tier umbringen. Alsdann sind sie hinauf, der Tiger ist immer noch gelegen auf dem Grab und einer hat den Revolver auf ihn dreimal abgeschossen. Das Tier ist aufgesprungen, ein paarmal um die Felszacke herumgeschlichen und dann jäh auf den Matrosen her. Der wäre verloren gewesen, wenn nicht der zweite und der dritte zuspringen und mit dem Tiger schaudervoll ringen tät, daß ich gemeint, nimmer könnten wir uns erwehren. Selber über und über blutend, haben sie ihn mit Messern endlich tot gestochen. Ist gelegen auf dem steinigen Grab, die Steine ganz rot, und hat seine Tatze hingelegt, als wollte er im Tod noch was beschützen. Und ist's mir zu Sinn gekommen: Jetzt hast du ihren getreuen Hüter umbringen lassen. Und hab ich ein grenzenloses Herzleid gehabt, daß dieses Tier wegen seiner getreuen Wacht hat sterben müssen. Unten im Sand wird es begraben, während ich an seiner Stell auf dem Grab Dir diese Zeilen schreibe. Die Matrosen werden den Brief mitnehmen und ich werd mich häuslich einrichten auf dieser Insel bei meinem lieben Dirndel. Mir ist so absonderlich, weiß nicht wie. Die Sachen, die ich mit hab, werden eine Weil reichen, nachher will ich auf der Insel Früchte suchen und Fische fangen und wie der Robinson, weißt Du, von dem wir als Kinder das Buch gelesen haben, hausen, so lang es Gott gefällt. Wie gut werd ich schon in der heutigen Nacht schlafen bei ihrem Bett und auf einmal wird sie das Handerl ausstrecken, mir um den Hals legen und sagen: Vater, Vater! bist doch gekommen zu deinem Dirndel.

Leb' wohl, liebe Schwester, und wenn Du einmal auf den Kirchhof gehst, wo mein Weib ruht – wir lassen sie grüßen.

Mathias.«


Der Kammerdiener.