Der junge Mensch war allenthalben bekannt, hier und dort. Daß man ihn aber auch irgendwo kennen gelernt hätte, dazu blieb er nicht lange genug auf einem Flecke. Er war hüben und er war drüben, und immer hatte er ein schwarzes Tuchgewand an und über der Weste eine goldene Uhrkette hängen, die mitunter ziemlich locker wog, es war eben nicht stets dieselbe. Die Hemdkrägen waren nicht immer so weiß, als sie zum schwarzen Anzuge gut gestanden wären, so daß es schien, der junge Mann wechsle öfter die Uhrketten, denn die Wäsche. Wohl trug er gerne gestreifte Hemden, denn wenn der Schmutz hübsch in Reihen und Quadrätchen eingeteilt ist, so hat er auf das Auge doch immerhin eine freundlichere Wirkung. Die Hauptaufmerksamkeit wendete der junge Mann wohl seinem Haar zu, das war von Natur fast pechschwarz und immer so fein gefettet und geglättet, daß es den Weibern als Toilettespiegel hätte dienen können.
Seine Eltern waren unbekannt; er selber soll, aus einem Dorfe an der galizischen Grenze stammend, sich in einem Erziehungsinstitute befunden haben, wo es ihm aber nicht gefiel, denn er floh daraus. Es war jemand, der braverweise die Christenpflicht vorschützte, um dem Drange seines Herzens genüge zu tun und den jungen Menschen nicht versinken zu lassen. So wurde Julian wieder eingefangen und in ein anderes Institut getan. Dort hatte man ihm das Entfliehen so gottlos schwer gemacht, daß er es vorzog, die Sache so einzurichten, daß sie ihn selber fortjagten. Er kam in die Gegend, wo die Sommerresidenz des Grafen Borgstam stand; der Graf war ein alter Sonderling, ein morscher Rest des alten Adelsgeschlechtes gleichen Namens, der fast einsam dasaß inmitten seiner ausgebreiteten Güter. Er interessierte sich für den hübschen, intelligenten Burschen, stattete ihn aus und half ihm in ein Militärinstitut. Das fand Julian nicht wohlgetan und eine Weile später sah man ihn mit einer Schauspielertruppe durch das Land ziehen. Da war er schon zwanzig Jahre alt; aber bald bekam er den Komödiantenteint im hohen Grade. Seine Wangen fielen ein, seine Gesichtsfarbe wurde fahl, fast grünlich-grau, seine Augen brannten scharfzackig. Seine schlanke Gestalt war zweifach geknickt, einmal in den Knien und einmal am Nacken. Der schwarze Anzug wurde nicht mehr gebürstet.
Graf Borgstam, der sich nun einmal diesem Menschen zugewandt hatte, wollte ihn nicht aus den Augen lassen. Ein so wohlgebildeter und wohlgearteter junger Mann! Er nahm den Julian zu sich als Kammerdiener. Der Graf war betagt und durch mancherlei Mesalliancen und abenteuerliche Lebensperioden hindurch glücklich dort angekommen, wo man müde und einsam dasteht. Diese Einsamkeit war um so unheimlicher, je größer sein Reichtum und je mehr der Wohldiener ihn schmeichelnd umkrochen. Doch sammelt sich immer noch ein Restchen Weichmut und Wärme in einem alten Herzen, wenn es scheinbar auch schon ausgebrannt ist, und dieses Restchen kam dem neuen Kammerdiener nicht schlecht zu statten. Julian erholte sich bald, seine Wangen blühten und sein Rückgrat strebte wieder der aufrechten Richtung zu. Bei der freundlichen Behandlung, die er im Schlosse genoß, kamen auch seine geistigen Anlagen rasch zum Vorschein. Die Lust zum Vagabundieren war weg und obgleich in eine gewisse Disziplin gesteckt – denn der Graf war sein alter Soldat – heimte sich Julian rasch ein, zeigte Anhänglichkeit zu seinem Herrn und nach zwei Jahren war er mehr oder weniger der Vertraute des Grafen, und der Kammerdiener bekam selbst wieder einen Diener zugeteilt.
Den Winter verlebte der Graf in der Hauptstadt, wo er eines der vornehmsten Palais besaß, das aber in seinen größten Teilen unbewohnt blieb, weil der Herr nur einen kleinen Hausstaat zu führen pflegte und es auch sein alter Adel und dessen Verhältnisse verlangten, daß das Gebäude nicht praktisch verwertet werde, sondern mitten in der lebenslustigen Stadt still und ernst wie in ein düster-gewaltiges Monument, an das alte Herrengeschlecht erinnernd, dastehe.
Julian war also des Grafen rechte Hand geworden, so daß diesem der übrige Haustroß mehr oder minder überflüssig erschien und er sich von demselben räumlich abzusondern liebte. Der Graf pflegte allabendlich einen alten General bei sich zu sehen, mit dem er ein Tarockspielchen machte und ein paar Flaschen Wein ausstach. Vor Mitternacht wurde dem Gaste aus dem Hause geleuchtet und der Graf stieg bisweilen schon etwas schlaftrunken zu seinem Schlafzimmer empor. Julian verschloß alle Fenster und Türen der Vorgemächer, hatte noch die Aufgabe, dem Herrn im Entkleiden zu helfen, ihm irgendein Buch auf den Nachttisch zu legen zur Lektüre, damit sich's leichter einschläft, und sich dann im Vorzimmer selbst zu Bette zu legen.
Da war es eines Tages, daß, als der Graf schon im Bette lag und just das Buch weglegen wollte, Julian ins Gemach trat.
»Was willst du?« fragte der Graf.
»Euer Gnaden das Licht auslöschen,« war die Antwort; da stand er schon am Bette und in seiner Faust hielt er den Griff eines scharfblinkenden Hirschfängers.
Der Graf richtete sich rasch empor, der Kammerdiener griff ihm an die Gurgel und preßte ihn auf das Kissen zurück.
»Sie wissen, Herr, um was es sich handelt,« sagte Julian ganz leise, indem er Sorge trug, daß die Spitze des Messers dem vor Schreck stöhnenden alten Manne vors Auge kam. »Erschrecken Sie aber nicht so sehr, Sie werden ihr Leben mit einem einzigen Worte retten. Sie waren mir stets ein guter Herr und ich bitte Sie inständigst, ja nicht den mindesten Schrei zu versuchen. In der Notwehr bin ich alles imstande.«