So die Kellnerin und lief davon, um dem Ankömmling den gewohnten Trunk zu holen. Der Pater in schwarzem Talar, um die Mitte einen weißen Strick, setzte sich zu mir, gab einen freundlichen Gruß und schaute mich mit seinem runden Gesichte gemütlich an. Wir waren uns also schon verknüpft; ich wollte etwas von dem rätselhaften Manne wissen und der Pater wußte etwas von ihm. So war bald angehakt und der Priester erzählte mir. Etwa eine Woche zuvor sei weiterhin an der Felswand ein fremder Mann aus dem See gezogen worden, nachdem ihn der Fischer um Hilfe rufen gehört. Dann habe der Gerettete dem Retter heftige Vorwürfe gemacht, daß er ihn nicht habe ertrinken lassen, sei ihm ausgerissen, wieder ans Wasser gelaufen, dort aber am Ufer zusammengebrochen. Hierauf habe man den Armen ins Kloster gebracht, dort geatzt und mit Kleidern versehen, denn seine Gewandung sei nur mehr in schmutzigen Fetzen am Leibe gehangen. Im Alter wäre er noch kaum über dreißig Jahre, wer oder was er sonst sei, das wäre nicht aus ihm hervorzubringen, allem Anscheine nach ein Mensch aus gutem, reichem Hause, aber einer Irrenanstalt entsprungen. Bei einem Mahle, an dem er im Kloster teilgenommen, habe er sich als Feinschmecker erwiesen. Sein Benehmen sei ein merkwürdiges Gemisch von Höflichkeit und Trotz, manchmal flackere etwas, wie übermütige Lust in ihm auf, dann sei er wieder tief niedergeschlagen, starre oft bewegungslos lange Stunden in Abgründe, in das Wasser, sitze mitunter in der Tischlerwerkstatt und starre die Werkzeuge an. Einen Revolver habe er anfangs bei sich getragen, der sei ihm abgenommen worden. Dann wandle er traumhaft umher, man sehe ihn drüben an der steilen Wand, man sehe ihn oben auf den Höhen, man sehe ihn draußen bei den Klostermühlen und am Wasserfalle und an der Brettersäge, wo er seine Augen in das Getriebe vertiefe. Dann wieder laufe er in das Dickicht oder werfe sich auf den Erdboden und klammere sich mit krampfhaften Fingern an den Rasen. Man sei ihm mit der Religion gekommen, dabei wäre er bewegungslos wie ein Taubstummer geblieben; aber einmal habe er auf den Feldern einem pflügenden Bauer zugeschaut und habe dabei angefangen, herzbrechend zu schluchzen und habe sich in die frische Furche gelegt und habe sein Gesicht in die Erde gepreßt, daß der Bauer gar nicht gewußt, was er sich davon denken solle. Einmal am Abend habe er sich bei den Klosterbrüdern bedankt für die Herberge und Gastfreundschaft und gesagt: Morgen, wenn die Sonne aufgeht, bin ich nimmer. Aber als die Sonne ausging, war er doch noch und schlich von den Leuten abseits; da habe man gesehen, wie er sich mit einem Stein an den Kopf schlug, daß helles Blut niederrann über das Gesicht; dann wimmere er, und endlich, wenn er etwas zu essen bekäme, zeige er wieder guten Appetit. Der Abt sage nun, länger sehe er dem Manne nicht mehr zu, er lasse ihn abliefern in die nächste Irrenanstalt.
Derlei hatte mir Pater Anton mitgeteilt, und dabei war es in mir unruhig geworden.
»Die Leute sagen,« setzte der Pater bei und trank aus seinem Krug, »die Leute sagen, es sei der leibhaftige ewige Jude.«
»Mag wohl sein, zum mindesten ein Stück von ihm.« – Bald nachher nahm ich Abschied vom Kloster und zog meiner Wege.
Ich strich bergauf und talab im Gebirge umher und dachte unterwegs viel an den sonderbaren Mann und hoffte ihm sogar zu begegnen. Das geschah aber nicht, und so wendete sich mein Herz von dem Grauen einer umnachteten Seele wieder der lichten Herrlichkeit der Hochgebirgswelt zu.
Sonst pflegte man die Klöster in gesegnete Gegenden der Hügelgelände hinzubauen; aber der Erbauer dieser Pfaffei hatte das unwirtliche Hochgebirge vorgezogen. Die Liebe zu solchen wilden Gegenden konnte zu jener Zeit der Klostergründungen nicht Ursache gewesen sein, denn diese Liebe war in alten Zeiten nicht so in den Menschen wie heute. Eher war es der Schutz, den die wilden Berge vor feindlichen Einfällen gewährten, in Hinsicht darauf diese Stätte gewählt worden. Oder die Sache fing etwa mit einer Einsiedelei an, oder einem Jagdschlößchen, das die Priester eines fernen Klosters hier erbaut hatten; zum Jagdschlößchen kam eine Kirche, zu dieser kamen Andächtige, es huben Wunder an zu geschehen, der Wallfahrer wurden von Jahr zu Jahr mehr, die Kirche wurde vergrößert, ständige Priester mußten sich niederlassen, und es erwuchs ein Kloster, das von dem, was die Gläubigen herbeitrugen und was das ferne Mutterkloster abwarf, reichlich gedieh.
Und so konnte die Abtei des heiligen Antonius ganz behaglich daliegen zwischen den Wänden. Sie lag – von oben herab gesehen – mit ihren weißen vielfensterigen Mauern, mit ihren zwei roten Kuppeltürmen, mit den Wirtschaftsgebäuden und Baumgärten reizend am Gestade des Alpsees, und hinter ihr war ein kleiner fast ebener Boden von grünen Matten und Fichtenwäldern. In Urzeiten mochte auch diesen von schroffen Felswänden eingeengten Boden der See bedeckt haben; heute ist er wie ein lieblicher Garten, an zwei Seiten bestanden von der Schutzmauer. Diese Schutzmauer ist mehr als fünftausend Fuß hoch, und im Winter hat das Kloster neun Wochen lang keinen Sonnenstrahl. Stellenweise steigt der blauende Wald streckenweit hinan in das steile Gebirge, am See hin ragen die Wände fast senkrecht empor. Oben sind sie scharf abgebrochen, und wie sich dort das Gebirge zurückzieht und im Hintergrunde zu neuen Massen großartig aufbaut, das kann man vom Tale aus nicht sehen.
Wer jedoch oben steht auf einer der Kanten des Vorgewändes, dem schwindelt einerseits vor der Tiefe unter sich, in welcher der See wie eine braune, ins Gebirge eingezackte Spiegeltafel daliegt und daneben im dunklen Grün die lichten Würfelchen des Klostergebäudes – und andererseits vor der Höhe über sich, in welcher die grauen zerklüfteten Bergwuchten stehen, von deren Häuptern und Hochmulden der versteinerte Schnee niederleuchtet. Diese Felsmassen setzen sich nicht zusammen aus einzelnen Stücken und Schichten, sie haben nicht die Art des Zersprungenen, Zerbröckelnden; in geraden und glatten Linien gezeichnet, so stehen die ehernen quadratischen Blöcke da, mancher im Durchmesser von mehreren tausend Fuß; so liegen ihrer zwei und drei oder noch mehr übereinander und die obersten Zinnen überragen die Gebirgswelt und schauen in ihren äthergrauen Flächen weit hinaus in die Lande.
Das Gewände jenseits des Sees hat mehr den Charakter des Unregelmäßigen und Plumpen, es baut sich in Kegeln aus, von deren Schründen gelblichweiße Schutthalden niedergehen und sich zwischen grünen Wäldern und grauen Klötzen ausböschen in den See. Selten ist das Bild ganz rein, entweder die Gipfel stechen in die Wolken hinein, oder es liegt der Nebel in den Tiefen und die Berge steigen scheinbar, jeder für sich, wie aus einem grauen Meere auf. Oder es schwimmen in der feuchten Luft die Nebelfetzen in halber Höhe hin, hängen wie Wetterfahnen an den Wänden oder dampfen im Morgensonnenschein aus den Steinhäuptern hervor und lösen sich in Äther.
Scheinbar hat der Beschauer die Felswände sich ganz nahe gegenüber, aber wenn er nach Gemsen ausschaut, so sieht er dunkle kleine Punkte, wie Steinflöhe – das sind freilich die Gemsen, aber sie zeigen nur, wie groß der Abstand, wie riesig die Verhältnisse sind, in welchen sich der Beschauer selber wie ein nichtiger Steinfloh vorkommen muß.