Auf solchem Standpunkt wird der Wert des menschlichen Lebens stark verschoben, entweder es verliert gegenüber diesen ungeheuren Naturgewalten alle Bedeutung, oder es stellt sich als Erkenner und Genießer der Natur hoch über sie und ermißt an der seelenlosen Außenwelt seine göttliche Überlegenheit.
Als ich in solchen Gedanken dahinging hoch am Grate des Gewändes, das senkrecht in den See hinabtauchte, sah ich plötzlich unter mir auf einem schmalen Felsvorsprung einen Menschen liegen. Er lag in seiner schwarzen Kleidung ausgestreckt auf dem Rücken wie eine Leiche und ich wähnte auch anfangs, es wäre der nun tote Fremdling, den ich ein paar Tage früher unten am See gesehen. Es war aber der lebendige, wie mich eine Bewegung desselben belehrte. Es war eine Bewegung mit dem Arm, wie bei dem Erwachen aus einem traumschweren Schlaf. Ich erschrak vor dieser Bewegung mehr, als früher vor dem leblosen Bilde, eine einzige Wendung des Körpers, und er mußte in die Tiefe stürzen.
Diese Bewegung wurde vermieden, der Mann richtete sich sorgfältig empor und kletterte mit Geschick, aber auch mit Zittern und Zagen einem Gemssteige entlang quer heran zur Zinne. Mit einem Sprunge stand er auf der flachen weiten Matte und atmete auf. Dann blickte er wirr um sich und wollte davoneilen.
Ich trat rasch zu ihm und redete ihn an: »Sie können vom Glücke sagen, daß Sie heil heraufgekommen sind!«
»Jawohl,« antwortete er gedämpft und säumig, »ich kann vom Glücke sagen. Ich kann vom Glücke sagen!«
»Wollen Sie nicht mit mir kommen, lieber Herr,« lud ich ihn ein, »unten im Kloster erwartet man Sie.«
»Wer erwartet mich?« schnauzte er auf, »mich hat niemand zu erwarten, verstehen Sie? Die Pfaffen sollen mir meinen Revolver wiedergeben.«
»Das sollen sie auch,« sagte ich, »wer im Gebirge reist, muß eine Schußwaffe haben. Sehen Sie, ich habe auch so etwas.«
Damit zog ich mein Terzerol aus der Tasche, er blickte es mit gierigen Augen an und fragte, ob es geladen sei?
»Dreifach. Ich pflege es im Gewände loszubrennen, ich ergötze mich am Echo.«