»Hoffentlich,« so warf ich im Scherze ein, »waren Sie wie die liebe Jugend, diese ist leichtsinnig und pflegt ihren Grundsätzen nicht treu zu bleiben.«
»Den ersten Teil meines Grundsatzes habe ich auf das Gewissenhafteste befolgt,« versicherte er. »Ich habe jeden Tag meinen Tausender in die Welt geworfen, habe Lakaien, Pferde, Freunde, Freundinnen gehabt, habe alles versucht, was sie Genuß heißen; ein dreijähriger Hexensabbat war's, teils in Wien, teils in Petersburg, teils in Baden-Baden und Homburg. Oh, wenn ich ein Tagebuch geschrieben hätte! Es war anfangs ganz ergötzlich, aber eher als man denken kann, eine Last, ein Ekel zum Erbrechen. Das Geld mußte fliegen Tag für Tag, die Langweile tat sich auf wie ein Abgrund, ich schleuderte Unsummen hinein, manche Stunde fraß das Jahreseinkommen eines Ministers, und die Langweile war nicht zu töten. Es gibt nichts, woran ich mich nicht übersättigt hätte, noch bevor ich es eigentlich genossen. Es ist mir heute alles nebelhaft, ich sehe nur zu Tod gehetzte Pferde, rollende Würfel, üppige Gelage, Weiberbusen mit Schaumwein getauft, blasse Gesellen im Nachtaumel des Katzenjammers. Und nie hätte ich geglaubt, daß die Welt für eine Million so arm ist an Genüssen. Das ewige Einerlei des ruhelosen Wandelns, des Schnaubens und Schnappens nach Neuem, Pikanten. Die Sinne wurden stumpfer, ich verschmachtete fast in der Öde des Reichtums.«
»Haben Sie denn nicht Reisen gemacht, waren Sie nicht auf dem Meere, in Ägypten?« so meine Frage.
»Ich war überall, aber nur als Raubtier,« antwortete er, »ich sah nicht den Wald, ich sah nur das Reh und den Hirschen. Ich sah nicht das Hochgebirge, nur den Adler und den Lämmergeier; ich sah nicht den klaren Alpfluß, die hohe See, nur die Fische drinnen, und fangen, töten, an mich reißen – sonst wußte ich von nichts. Ja doch! Eines Tages, es war auf dem Wege von Salzburg nach Berchtesgaden, brach mir auf der Straße ein Wagenrad, und während des Aufenthaltes beim Dorfschmied sah ich, wie das Weib des Schmiedes, das auf dem Acker Kartoffeln jätete, zur Jause in der heißen Tageszeit ein Krüglein Wein vom Wirtshaus holen ließ. Eben will sie sich d'ranmachen, da kommt ein alter Mann des Weges gehumpelt, der setzt sich vor der Schmiede auf die Bank, trocknet sich den Schweiß und sagt nichts. Jetzt kommt das Weib mit dem Weinkrug, ladet den Alten ein, sich daran zu laben, er bedürfe der Labe notwendiger als sie. Da geht mir ein Licht auf: Der Wein ist doch ein großer Genuß, wenn man Durst hat, aber das Almosengeben muß ein noch größerer sein, sonst würde ihn das Weib nicht dem Trunke vorziehen. Den Genuß kann ich mir verschaffen. Ich lasse alles Bettelvolk der Gegend zusammenrufen, alte Männer und Weiber, Krüppel, Kretins, und sage: Jedes bekommt einen Taler, wenn es über den Wassergraben springen mag, in dem der Hammerbach rinnt. Ha, wie die Joppen und Röcke fliegen, den meisten glückt der Sprung, etliche fallen kreischend in den Bach. Auch diese sollen ihren Taler haben, sage ich, wenn sie mir auf den Anger ein Ballett aufführen, während die Kleider am Zaun trocknen. Da ist etwas. Ein alter Mann kommt auf mich zu, spuckt mir ins Gesicht, dann eilen sie hinweg.«
Ich war aufgestanden.
»Es ist weit mit mir gekommen,« fuhr er fort, »aber niemals hätte ich geglaubt, niemals, meine Schande jemandem so ins Gesicht sagen zu können. Wenn das nicht die größte Schamlosigkeit ist, so ist es Mut, und wahrlich, den hätte ich zu brauchen. – Nach wenigen Jahren war die Million dahin und ich floh vor den Gläubigern. Und nun – das Erschießen! – Wer eine Million verpuffen will, der soll sich zuvor prüfen, ob er nicht zu feig ist für die Konsequenzen; sonst geht er einem Leben entgegen, einem verdammten Leben, das ärger ist als der Tod und das Fegefeuer.«
Er schwieg, ich ebenfalls, denn ich wußte in der Tat nicht recht, was hier zu sagen war. Zu sagen sehr viel, aber wo ein unglückliches Menschenherz mit im Spiele ist, da muß man die Worte mit Bedacht wiegen. Die Wahrheit und die Vernunft und die Moral sind oft zu rücksichtslos; den Sünder richtet man am besten auf, wenn man als Sünder zu ihm spricht.
Der Mann war in sich zusammengesunken, als habe ihn der Schlaf übermannt. Plötzlich fuhr er empor und starrte mich erschrocken an.