»Habe ich nicht den Hahn eines Revolvers knacken gehört?« fragte er.
»Der Stoppel dieser Feldflasche hat gepafft,« antwortete ich, »wollen Sie sich bedienen?«
»Ich kann mich nicht bedienen,« war seine Entgegnung, »wenn ich aber einmal fest schlafe und Sie jagen mir die Kugel durch den Kopf, so bedienen Sie mich am besten.«
»Sie sind nicht klug!« sagte ich und wahrlich, ich hätte was Klügeres sagen können.
»Ein Bettel um die Kugel!« lachte er. »Das Leben verachten und nicht den Mut haben, es zu enden! Vom Sonnenlicht übersättigt und vor dem Grabe schaudernd! Eine Million verpuffen und sich erschießen! Wie leicht ist's gesagt. Ich setze mir das Feuerrohr an den Kopf, zehnmal, oh, weit öfter, aber mein Finger, der am Hahn lag, gehorchte mir nicht, ich schleuderte die Waffe von mir. Ich hing am Hanf und habe die Schlinge gelockert. Ich nahm Gift und flehte den Arzt um Gegengift an. Ich sprang ins Wasser. Es wäre gut gewesen, da kommt der Klosterbruder. Immer habe ich gehört, von den Pfaffen komme nichts Gutes; nie habe ich mich mit ihnen eingelassen und hab' es doch erfahren. So ziehen sie mich aus dem See. Nun übe ich mich in Mut und suche meine Schlafstelle da drüben an der Seewand, vielleicht stürze ich einmal unbewußt hinab. – Des Menschen Leben bläst der leise Windhauch aus. Steht's nicht so in einem alten Buche? Oh über die Hypochonder! Wenn sie ahnten, wie schwer das Leben abzuschütteln ist! Ausgelebt haben und nicht sterben können!«
»Wie alt sind Sie?«
»Achtundzwanzig Jahre.«
»Und wollen ausgelebt haben?« fragte ich. »Freund, Sie mögen den Abschaum des Lebens kennen gelernt haben, aber das Leben nicht. Mit einer Million kauft man sich kein Leben, noch weniger ein Glück. Sie müssen gerungen haben ums tägliche Brot, sie müssen einmal aus einer schweren Krankheit genesen sein, Sie müssen Gutes empfangen und Gutes gegeben haben, Sie müssen sich ein Haus gebaut haben, und einen geliebten Menschen gefunden und einen geliebten Menschen sterben gesehen haben, um zu wissen, was Leben ist. Sie haben noch nicht gelebt. Auf Ihrem Herzen liegt der Rost der Übersättigung, den müssen sie herausbluten, und es wird wieder jung sein. Sie haben bisher nur ihre rohesten Sinne gefüttert, den eigentlichen Menschen in sich haben Sie wahrscheinlich noch gar nicht entdeckt. Sie haben jene Anlagen noch gar nicht entdeckt, deren Betätigung und Befriedigung erst das Glück gibt. Das Sehen des Schönen in der Natur, das stille und beständige Bedienen der Mitmenschen, das Wiedergenießen ihrer Achtung, das Bewußtsein erfüllter Pflicht, das, mein armer Freund, sind weit tiefere und feinere Lebensgenüsse als jene tierischen, die Sie mit Ihrer unseligen Million erkauft haben.«
Der Mann tat eine Bewegung mit der Hand, als wollte er damit sagen: Das gäbe es für ihn nicht.
Ach du arme, zerfressene Seele, wie hat dich der Materialismus zugerichtet!