»Sie müssen nicht glauben, daß ich hier bei Ihnen sitze, um mich von Ihnen beschulmeistern und bedauern zu lassen!« sagte der Mann, indem er aufstand. »Ich habe mit Ihnen nicht angebunden, Sie haben es mit mir getan. Gehen Sie hinab und sagen Sie den Pfaffen, sie mögen mich nicht erwarten und mit Seelenmessen ließe sich an mir nichts verdienen. Ihr seid alle Wichte! Alle! Adieu!«

Nun eilte er davon, zwischen Zirmsträuchern hin und schaute gar nicht mehr um. Ich war nicht Samaritan genug, um ihm zu folgen; ich hatte nicht das demütige Trostwort gefunden, welches der Sünder zum Sünder spricht. Schwer verstimmt stieg ich niederwärts gegen den See.

Das war die erste Begegnung mit diesem Menschen in den Tiroler Bergen. Später ergab sich Gelegenheit, mit seinen Schicksalen näher bekannt zu werden. Er hieß Friedrich Kürbaum mit Namen und war der einzige Sohn eines Prager Bankiers. Mit seinen Studienjahren und seiner Million verhielt sich's so, wie er selbst angedeutet hatte. Es wären aus der unsauberen Zeit wunderliche Einzelheiten zu erzählen. Es war ein Leben ohne Kopf und Herz, es war das Welteinsaugen eines menschgewordenen Polypen. Das beste an seiner Million war, daß sie endlich zur Neige ging; mit dem Ringen um die Existenz und der Angst vor dem Untergange kamen wenigstens menschliche Regungen in seine Brust. Es ging ihm das Bewußtsein auf, ein Leben verloren zu haben und das verlorene Leben wie ein unerlöstes Gespenst weiterschleppen zu müssen durch alle Entbehrungen und Demütigungen hin, und wie sozusagen sein Gewand und sein Leib stückweise von der gemarterten Seele abfallen müsse, bevor sie ihr Dasein aufgebe.

Mit solchem Jammer trat der durch Überfluß und Übermut entherzte Verschwender gleichsam wieder in die Rechte der Menschheit ein.

Lange strich er um im Gebirge; es war, als banne ihn die Größe oder als bedürfe er für seine innere Wildheit und Zerrissenheit die Wildheit der äußeren Natur. Planlos strich er um. Hier bettelte er um den Tod, dort bettelte er um Leben. Es war der allerärmste Bettler, der je in dieser unwirtlichen Gegend umhergestiegen.

Einige Tage war es nach unserer Begegnung auf der Zinne der Seewand, als Friedrich Kürbaum im Walde zu einem halb verfallenen Holzbaue kam. Einst mochten Kohlenbrennerleute darin gewohnt haben, wenigstens war vor der Hütte ein runder Platz mit Kohlenlösche, aus der Nesseln und anderes Krautwerk wuchsen. – Wenn er sich in diese Hütte einschlösse, die Fenster und Löcher verstopfte, mit Kohlenresten darin ein Feuer machte, um daran zu ersticken! – Mit diesem Gedanken vielleicht stieß Kürbaum den Bretterverschlag auf, der die Tür bildete, und trat in den Raum. Sofort merkte er, wie sich in einem Winkel der Hütte etwas bewegte und eine Stimme war: »Mein Gott hat mich erhört, Friedrich! Wie danke ich dir, daß du uns aufgesucht hast!« Dann hörte er nur noch Schluchzen.

Als sich seine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt hatten, sah er im Winkel auf Heu ein junges Weib kauern, am Busen ein kleines Kind; Er erkannte sie sofort. Vor Jahresfrist auf einer Reise in die Schweiz war er ihr das erstemal begegnet in einem Flecken bei Innsbruck. Ein frisches, unschuldiges Landmädchen, das war noch etwas Ungewöhnliches für ihn. Das Schmuckkästchen half nicht, wie beim Gretchen, der Weltling mußte all seine Verstellungskünste aufbieten, um sie zu gewinnen. Nach zwei Wochen zog Herr Kürbaum lustig weiter und hatte das süße Naturkind auch bald vergessen.

Floriana jedoch hatte auf ihn gewartet, anfangs mit Inbrunst, später mit Bangen, endlich in Verzweiflung. Als sie vor ihrem Vater das Geständnis tat, wurde er rasend. Das Mädchen floh ins Etschtal, wo ein Oheim von ihr lebte, dort fand sie zur Not Unterstand für die schwersten Tage, aber des Oheims Weib hielt es der Armen stündlich vor, daß sie hier nicht daheim sei, und so nahm sie das Kind, um damit wieder ihrem Elternhause zuzuwandern. Sie bettelte sich von Tal zu Tal, bis sie vor Erschöpfung endlich nicht mehr weiter konnte und in jener Waldhütte liegen blieb.

Das hatte Floriana nun dem Manne erzählt, oft unterbrochen durch ihre Schwäche und das Weinen vor Freude, daß er erschienen.

Kürbaum war ratlos, was hier zu tun oder zu sagen sei.