Sie haschte nach seiner Hand: »Du bist gut, Friedrich!« hauchte sie und legte ihre Wange zärtlich an seine Hand und streichelte sie, »ich hab's ja gewußt, daß du gut bist. Kreuz mußt du mir keines setzen auf das Grab. Aufs Kind denkest du ja und mich mußt du vergessen. Es wäre kein gutes Gedenken. Du wärest brav geblieben und ich bin dein Unheil geworden.« Sie schwieg, hielt ihren rasselnden Atem ein, um zu horchen: »Hörst du es? Hörst du es?«
Auch er horchte, nichts war, als der stille Abendfrieden.
»Die Glocken läuten,« sagte sie leise.
Es war keine Kirche weit und breit und die Kapelle, die draußen an der Straße stand, hatte keine Glocke.
»Es ist schon die Gebetstunde,« sagte sie müde und legte über dem Kinde an der Brust ihre Hände aneinander, »sie läuten zum Englischen Gruß, bete ein Vaterunser, Friedrich!«
Er neigte den Kopf, aber er betete das Vaterunser nicht, denn er wußte nicht, wie es lautete. Sie betete still und er saß neben ihr bewegungslos, wie hingebannt. Im traumhaften Zustand starrte er zur Türe hinaus, das Gold der Wipfel begann zu erblassen, die lichten Äste und Steine verdämmerten mählich und in dem Schatten sang ein einziger Vogel weiche, kurz abgebrochene Töne.
Das Weib war noch immer still und betete.
Herr Kürbaum hatte eine Empfindung wie nie bisher in seinem Leben, es war, als ob in seiner Seele etwas zu tauen beginne. Dieses junge Weib. Und – »sie ihn verführt!« Du heilige Büßerin Unschuld! – Mit diesem Weibe leben! Es muß ja groß sein, das Glück zu leben, wenn es selbst der Ärmste, Verlassenste nicht lassen will.
Als der Mann sich niederbeugte gegen ihr Angesicht, um zu sehen, ob die Betende nicht in den Schlummer gesunken sei, da sah er's.
Er rüttelte sie, er rief sie laut beim Namen. Sie war dahin …