Das war ein Unhold, dieser Philipp in der Lacken, Gott, das war ein Unhold!

Er soll kohlschwarzes Haar und feuerroten Bart gehabt haben und dieses ungewöhnlichen Aussehens wegen allein schon gefürchtet worden sein. Sein Geschlecht war in dem Tale der Friesen, das breit und fruchtbar ist, uralt angesessen. Der Name »in der Lacken«, den es trug, stammte von seinem Hofe her, der wie eine kleine Ritterburg auf der Insel eines großen Teiches stand, damit er geschützt sei gegen die Feinde, von denen besonders der Philippus rings umgeben war. Die Leute nannten den Teich in verachtender Weise die Lacken, und der Philipp mit seinem Anwesen war ihnen wie die Kröte drin, aber das sagten sie nicht laut, denn der Mann war seines Reichtums und seiner zahlreichen Untergebenen wegen sehr mächtig und sehr böse.

So wie der Philippus das Haar eines Romanen und den Bart eines Germanen trug, so ähnlich mochte auch sein Blut mit den Eigenschaften der beiden Völker gemischt sein. Manchmal, wenn die guten Seiten mehrerer Völker zusammenkommen, gibt es herrliche Menschen; wenn gemischte Eigenschaften sich wieder mischen, entstehen unberechenbare Charaktere; und wenn die schlimmen Neigungen verschiedener Rassen sich vereinen, dann werden Ungeheuer geboren, wie sie aus ungemischtem Blute kaum hervorgehen können.

In Philippus hatte sich vereinigt die religiöse Entartung der Romanen und der Germanen: die Schwärmerei des Katholizismus und die Grausamkeit des Heidentums. Er war, so bildete er sich selbst ein, strenger Christ, er betete, er fastete, er hüllte sich an Sonn- und Feiertagen in einen grauen Büßermantel, in welchem er sich auf dem Kahne über den Teich rudern ließ und in welchem er in der Kirche nächst dem Hochaltare auf dem Betstuhle kniete. Er übte die strengste Enthaltsamkeit und verlangte solches auch von seinen Untergebenen. Nur eines vergaß der fromme Philippus, er vergaß der Liebe. Weil er aber doch ein heißes Herz in der Brust hatte, das imstande war, gewaltig zu pochen, so hegte und pflegte er statt der Liebe den Haß. Bei einem harten Oheim soll er erzogen worden sein und nie einen Hauch der Liebe erfahren haben. Also stand er einsam wie ein starrer Halm auf herbstlicher Heide. Selbst die äußere Natur haßte er und wollte sich an ihr rächen, wenn es regnete im Heuen oder windete in der Kornblütezeit. Öfter als einmal sah man's, wie er mit seiner Peitsche wütend in die Luft hineinhieb, daß es pfiff, um Wind und Wetter zu züchtigen, und einmal befahl er es sogar seinen Knechten, daß sie mit ihren Heugabeln gegen den Regen dreinstechen sollten. Sie taten es, kam aber nichts dabei heraus, als daß sie naß wurden. Wo es nicht sein Vorteil heischte, mit Menschen zu verkehren, da floh er sie. Lebenslustige Männer verabscheute er, liebebedürftige Weiber verachtete er, und Kinder waren ihm eine wertlose Sache, über die er auf der Gasse hinwegschritt wie über junge Hunde und Kaninchen, die man nur nicht zu Tode tritt, weil die Eigentümer darob Lärm schlagen würden. Philippus war natürlich Hagestolz geblieben, im ganzen aber hatte er sich doch so gehalten, daß männiglich sagen mußte: Er ist ein Ehrenmann! Gegen seine Blutsverwandten, gegen jedermann, der ihm nichts Übles tat, war er kalt wie ein Stein in der Bergschlucht; wenn ihm aber Böses geschah oder wo er es sich nur einbildete, daß jemand ihm Böses wolle, da begann es zu glühen und zu kochen in ihm, sein Blut schoß zurück in die Brust, daß sein Antlitz ward blaß wie Lehm und seine Fingerspitzen kalt wie Eiszapfen. Aber aus seinen kleinen Augen zuckte es in grünlichen Strahlen. Und vor einem steinernen Christusbilde, das unter der Eiche seines Hofes stand, klammerte er die Finger aneinander zu einer Doppelfaust, und flehte mit aller Inbrunst des Glaubens um Rache. In dem schönen Tale der Friesen gab es Leute, die harmlos sich des Lebens freuten in Spiel und Tanz – er haßte sie. In einem Nachbarsdorfe lebte ein alter Mann, von dem die Sage ging, daß er der lutherischen Lehre anhänge. Diesen Mann kannte Philippus gar nicht persönlich, aber er haßte ihn so sehr, daß er nächtelang schlaflos war und darüber nachsann, was er dem »Scheusal« Schlimmes zufügen könnte. Am meisten aber haßte er einen Karrner. Dieser Karrner war in einem kleinen Eisenwerke desselben Tales angestellt, um mit einem Schubkarren Holzkohlen von dem Schoppen in die Schmiede zu befördern, wofür er einen Tagelohn erhielt, von dem er mit seiner großen Familie sehr kümmerlich lebte. Diesen Menschen haßte der Philippus über alle Maßen. Warum? Hätte er sich gefragt, er würde nicht Antwort haben geben können, denn der Karrner war ein harmloser, sanftmütiger Mensch, der niemandem ein Leides tat. Aber Philippus hatte den Drang, seinen allgemeinen Menschengroll auf eine Person niederzulegen. Der Karrner war ein armer Mann, noch dazu ein fremder, vielleicht sogar ein Andersgläubiger. Er war vor Jahren als Fremdling in das Tal gezogen und hatte sich dort eingeheimt. Aber man wußte nicht, woher er kam, und weß Abstammung er sei. Der Philippus war eines Tages zum Richter und zum Prälaten gegangen und hatte die Ausweisung des Karrners begehrt.

»Hat Euch der Mann Unrechts zugefügt?« fragte der Richter.

»Nicht mir allein,« rief der Philippus, »uns allen fügt er himmelschreiendes Unrecht zu, denn er ist da, er zehrt von unserem Korn, er trinkt von unserem Wasser. Warum soll den Erwerb, Kohlen zu führen, nicht einer der Einheimischen haben? Warum ein Fremdling?«

»Was geht das Euch an, Philipp?« fragte der Richter, »wollt Ihr Euch um die Karrnerstelle bewerben?«

»Es gibt keine Gerechtigkeit mehr,« knirschte der Philippus, verließ mit knarrenden Schritten das Richteramt und begab sich zum Prälaten.

Vor diesem ließ er im Beutel Geld klingen und stellte ihm vor, daß der Josue das Verderben der Leute sein würde, wenn man ihn nicht fortweise, denn er sei sicherlich kein Christ. Solcher Mensch gebe ein arges Beispiel, wie man auch als Unchrist leben könne, ohne vom Blitze erschlagen zu werden, und er gebe das noch weit schlimmere Beispiel, daß der Mensch sozusagen seine Pflichten erfüllen könne, ohne Christ zu sein. Wäre der Josue ein schlechter Hund, ein Räuber und Mörder, so könne man ihn ganz gut in der Gegend belassen als Exempel, was ein Unchrist ist. Weil er aber zu den sogenannten braven Leuten gehöre, eben darum müsse er fort. »Es darf keiner brav sein, der Unchrist ist!« schrie Philippus.