Der Prälat lächelte ein wenig. Dann sagte er: »Lieber Philippus! Euer Eifer um die Ehre der christlichen Kirche ist ganz löblich, vorerst aber wird es nötig sein, daß Ihr selber Christ werdet. Prallet nicht auf, mein Freund! Ihr seid vom höllischen Haßteufel besessen, und Christus, unser Herr, hat gesagt, liebet euch untereinander, liebet auch eure Feinde! Darin unterscheidet sich ja eben unsere Religion von den Religionen der Heiden und Juden, daß sie Liebe ist. Darum eben ist die christliche Religion göttlich, darum verwandelt sie in ihrer Hand den Stein zu Brot und das Brot in den Leib des Herrn, weil sie lautere Liebe ist. Darum verwandelt sie den tierischen Menschen zum sittlichen, zum hochgesinnten, uneigennützigen, opferfreudigen Kinde Gottes, weil sie lautere Liebe ist und Liebe verlangt überall. Viele Tausende von Jahren bestand das Menschengeschlecht vor Christus schon; zahllose Religionen lebten auf, gingen nieder, in den Menschen war das Gesetz des Eigennutzes, des Hasses, der Rache oder des stumpfen Hinsiechens an Herz und Geist. Da kam unser himmlischer Christ mit der Liebe. Und keine Religion hat die Menschen so hoch gehoben, als die christliche; die Milde, das Wohlwollen, der Friede, die Weltfreude auch, und das irdische Glück in seiner reinen Form, die ganze menschliche Gesittung, die in den Besten der Gegenwart Ausdruck findet, all das ist ein Werk des Christentums. Der Christ haßt das Laster, die Verworfenheit als den bösen Feind, aber den Menschen als solchen, sei er wer immer, den haßt er nie. – Nein, lieber Philippus, der Josue ist ein fleißiger Arbeiter, ein braver Mensch, so viel ich weiß, der niemandem etwas Böses tut, den wollen wir nicht verjagen. Wollt Ihr ihm schon zeigen, daß der Christ höher stehen kann, als etwa der Heide, so geht hin und schenkt ihm einen Beutel mit Geld für seine armen Kinder.«

Sehr erbost verließ der Mann den Priester, die Treppe herab noch wiederholt das Wort »Pfaffe!« murmelnd. Wußte er doch, daß in den alten Schriften, die er besaß, ganz anderes zu lesen stand. Die Zauberer, die Hussiten, die Juden, die Lutherischen verbrannt auf dem Scheiterhaufen! Das waren noch schöne, gottwohlgefällige Zeiten.

Unterwegs mußte Philippus an dem Eisenwerke vorbei; auf der Brücke des Hammerbaches begegnete er dem Karrner Josue mit der Kohlenladung. Mit heftigem Stoße prallte er an ihn, so daß der Karrner über die geländerlose Brücke in den Bach stürzte. Dann eilte er leicht wie auf Flügeln davon und rieb sich die Hände und ein Wohlgefühl war in ihm, wie er es noch nicht oft genossen hatte.

Aber am dritten Tage, als er das Begräbnis des ertrunkenen Josue erwartete, ward Philippus zum Richter gerufen und dort stand der Karrner lebendig und ganz wieder trocken. Der Josue klagte ihn an. Philippus verteidigte sich: Natürlich war es nicht absichtlich, sondern ganz zufällig geschehen, daß er auf der Brücke an den Karrner gestrichen, der mit seiner ungebührlich breiten Fuhr die ganze Brücke eingenommen; der Karrner sei aber ein so maßlos boshafter Mensch, daß er absichtlich in das seichte Wasser gesprungen sein müsse, um nachträglich zu behaupten, er wäre hinabgestoßen worden. Nicht allein, daß er, Philippus, vollkommen frei von Schuld sei, verlange er auch eine Züchtigung dieser niederträchtigen Kreatur.

Der Richter war aber von der eigentlichen Gesinnung Philipps so überzeugt, daß er ihn auf drei Wochen in den Kerker führen ließ wegen mutwilliger Gefährdung des Lebens eines anderen.

Das ist dem Philippus, genannt Philipp in der Lacken, passiert. Nun kann man sich denken, daß sein Haß und seine Rachgier im kühlen, feuchten Aufbewahrungsorte nicht verkümmerten, und in der Tat, als er wieder an das Sonnenlicht kam, war er abgemagert bis zum Gerippe und sein langes schwarzes Haar und sein langer roter Bart war wirr und wüst und stellenweise schimmelig. Das Fasten und das harte Lager konnten ihn nicht so heruntergebracht haben, denn derlei Bußübungen waren ihm nicht fremd, aber der Haß! Der Haß, dieses Ungetüm, hatte, als es an fremden Körpern nichts zu beißen fand, sich gegen den eigenen gekehrt und in ihm unbarmherzig genagt und gewütet. Philippus zog sich zurück auf seinen Hof in der Lacken und ließ sich lange nicht mehr sehen. Er las in seinen alten Schriften, und weil das »Vaterunser« ihm viel zu matt und weich schien, so erfand er sich für seine Person ein eigenes Gebet, das er an jedem Morgen und an jedem Abende mit größter Inbrunst sprach. Das Gebet war voller Kraft und Glut, es lautete:

»Herrgott, Allmächtiger im Himmel! Strafe die Unchristen und die Fremdlinge und die Kinder der Welt und alle meine Widersacher. Strafe meine Feinde. Zermalme sie mit Deiner Faust, zertritt sie mit Deinem Fuß, daß das Eingeweide fahr' aus ihrem verfluchten Leibe. Ich bete Dich an, o heiliger Rächer! Lichter aus reinem Wachse sollen brennen vor Deinem Tabernakel! Laß Dein rosenfarbiges Blut nicht umsonst geflossen sein für mich, töte meine Feinde! Gib, daß sie erblinden im Walde und in den Abgrund stürzen! Sende Deinen Blitz an die Tore ihrer Häuser, daß sie den Ausweg nicht finden und im Feuer umkommen! In ihr Trinkwasser gieße die Pest! Rufe die Kriegsheere der Erde, daß sie metzelnd Dein Reich befreien von dem Unzücht! Herrgott, mich, Deinen treuen Diener, lasse nicht zu Schanden werden. Amen.«

Also war die Andacht Philipps, aber es war ihm leichter, nur solange er betete; denn es geschah nichts von allem, was er flehte, seine Wut war nichts als die Waffe des Ohnmächtigen.

Seine Verwandten, sein Gesinde sah, wie Philippus immer finsterer ward, aber sie wagten nichts, um ihn fröhlicher zu machen. Im Hofe auf dem Teich hörte man kein Jauchzen und keinen Gesang und kein Lachen. Nahe dem Lackenhofe, am Ufer der Insel stand ein alter Eichbaum, der weitum den Platz und das Wasser überschattete und eine Dämmerung legte auf den Rasen. In dieser Dämmerung stand ein altes Kreuz. Dieses Kreuz hatte neun Querbalken, es ragte hoch zum Geäste auf. Es war vor Zeiten draußen in dem großen Walde gestanden, der unter dem Namen der Kürlingerwald im ganzen Lande berüchtigt ist. Es hatte nämlich in ihm vor Jahren eine Räuberbande ihr Unwesen getrieben, Reisende ermordet und war oft hervorgebrochen, um Meierhöfe und ganze Schlösser auszuplündern. Eines Tages wurde in dem Kürlingerwalde ein durchfahrender Hochzeitszug, bestehend aus neun Personen, ermordet. Der Räuberhauptmann wollte die Braut entführen, der Bräutigam schoß ihn nieder, worauf sich ein Gemetzel entspann, dem der ganze Festzug unterlegen war. Zum Gedächtnisse hatte man das neunbalkige Kreuz aufgestellt. Später, als der größte Teil des Waldes der Axt zum Opfer gefallen war und das hohe Kreuz herren- und schattenlos auf dem Riede stand, nahm der Philippus davon Besitz, führte es in seinen Hof, stellte es dort auf unter dem Eichbaum und verehrte es ob der blutigen Tat, deren Erinnerung daran geknüpft war.

Unweit des Teiches standen mehrere Meierhöfe, die dem Philippus zu eigen waren, und zu denen sein Gesinde täglich auf großen flachen Kähnen über das Wasser fuhr. Auch Getreide, Heu, Holz und andere Dinge wurden mit solchen Kähnen über den Teich in den Wohnsitz geschafft. Der Teich hatte dort, wo die Schleuse das Wasser hereinließ, eine lange Zunge in das Gelände hin. Als Philippus eines Tages unter dem Eichbaum vor dem Kreuze kniete, fiel sein Blick auf diesen Kanal hinaus und sah, wie dort zwischen Erlen und Silberweiden zwei Knaben standen und mit kurzen Stäben Fische angelten. Dem frommen Manne blieb das Gebet im Munde stecken, er erhob sich langsam und strengte seine Augen an, daß er die Fischdiebe erkenne. Er erkannte sie, es waren die Söhne des Karrners Josue, die er beim Vorübergehen an ihrer Hütte schon oft mit den Augen gespießt hatte. Ein heißes Lustgefühl stieg in ihm auf, eilig holte er vom Hause einen Feuerhaken und einen Strick, damit ging er zum Landungsplatz und ruderte auf einem Kahne hinaus. Aber die entgegengesetzte Richtung, er wollte dann hinter den Uferbüschen die Knaben anschleichen, sie an sich reißen, binden und in den Hof schleppen, um sie zu strafen, das heißt, den Haß zu befriedigen, der in ihm gegen den Karrner mit gesteigerter Heftigkeit brannte. Als er jedoch an die Stelle kam, waren die Kinder nicht mehr dort. Tiefen Mißmutes voll kehrte er zurück auf den Hof und gab seinen Knechten den Auftrag, wenn ihnen von den diebischen Karrnerleuten eines unter die Hände käme, dasselbe ihm zu überliefern, ob lebendig oder tot, der Lohn sei zwölf Silbertaler und ein mit Silber beschlagenes Gebetbuch.