Da war es eines Abends im Erntemonat. Den ganzen Tag über hatten die Kähne verkehrt zwischen den Meierhöfen und dem Wohnsitze im Teiche. Es gab schwere Garbentrachten und Philippus freute sich. Es war ein Hagelwetter niedergegangen in der Gegend, er freute sich, daß der Himmel seine Felder verschont hatte, aber noch mehr freute er sich, daß er die seiner Nachbarn verheert hatte. Und diesem Freudentag folgte ein würdiger Abend. Mit der letzten Garbenfuhr brachten drei Knechte einen Mann mit, der auf den Garben ausgestreckt lag und um Erbarmen wimmerte. Er war mit Strohwinden an Händen und Füßen gebunden, es war der Karrner Josue.
Als Philippus gehört hatte, welch ein werter Gast angefahren gekommen wäre, stellte er sich, die Hände in den Taschen des Beinkleides und mit ausgestemmten Füßen ans Ufer und sah mit Behagen zu, wie die Knechte den Gefangenen zu Häupten und zu Füßen packten, um ihn abzuladen. Mit einer Schwenkung des Kopfes deutete er gegen den Eichbaum hin, sie taten nach Befehl und vor dem Kreuze warfen sie den Karrner zu Boden.
»Herr und Vater!« so begann nun einer der Knechte zu berichten. »Wir haben ihn ertappt. Des Meierhofes Haushahn hatte er gestohlen und getötet und verzehrt. Wir haben den armen, lieben, schönen Vogel seit dem Morgen nicht mehr gesehen. Aber am Nachmittage haben wir Federn gefunden hinten im Schachen, und nicht weit davon den Karrner, der eine solche Feder auf dem Hute getragen. Er wollte vorüberhuschen, aber wir haben ihn abgefangen, er hat geleugnet, aber wir haben ihm nicht geglaubt. Wir haben den Dieb und Mörder des unschuldigen Tieres zu dir gebracht.«
»Einer bekommt nur vier, weil euer drei sind,« sagte Philippus zu den Knechten, »das Gebetbuch sollt ihr abwechselnd benutzen. Bleibt nur da. Wir haben heute einen Feierabend. Nachher werden wir Wein trinken. Zuerst müssen wir eine Abendandacht halten und dem Herrgott ein Opfer darbringen vor dem Kreuze.«
Diese Worte waren in einer so seltsamen Weise gesprochen, daß die Leute einander mit Befremdung ins Gesicht schauten. Philippus, ohne den Gefesselten, der auf dem Rasen sich wand, zu beachten, kniete hin vor das Kreuz, streckte die beiden Arme gegen Himmel und hub an, so zu beten: »Gerechter Gott, ich danke Dir, Du hast mich erhört. Du hast meinen Feind gelegt in die Gewalt meiner Hände. Dein ist die Rache, und nach Deinem Willen will ich meine Feinde lieben. Ich töte ihn nicht aus Rache. Ich liebe meinen Feind und werde ihn küssen, ehe er geopfert wird. Herrgott! Du bist nicht der Judengott, der das Opfer Abrahams verschmäht hat, Du bist der Christengott, der das blutige Opfer seines eingeborenen Sohnes angenommen hat zur Versöhnung. Ich bin nicht der hoffärtige Pharisäer, der an Deinem Altar steht, ich bin der demütige Zöllner, der sein Angesicht verhüllt und betet: Herr, ich habe gesündigt. Nimm für alle meine Sünden dieses Opfer und verzeihe mir und gib mir ein langes Leben und eine glückselige Sterbestunde und die ewige Seligkeit. Amen.«
Mittlerweile war es dämmernd geworden. Am Himmel lag eine rauchbraune Wolkenschicht, nur am Gesichtskreise gegen Sonnenuntergang war ein glühendroter Streifen schnurgerade hingezogen, wie ein Spalt zwischen Wolken und Erde, durch die das Abendrot hereinleuchtete. Vom Hause hatte sich bald alles Gesinde versammelt um den Eichbaum und manchem begann unheimlich zu werden.
»Mein lieber Mitbruder im Herrn,« so redete Philippus nun den Karrner an. »Heute finden wir uns vor einem anderen Richterstuhle, als dazumal. Ich hege keinen Groll gegen dich, und fordere dich auf, deine Sünden zu bereuen.«
»Herr Philippus, ich weiß nichts von dem Hahn!« entgegnete der Karrner, seine Stimme war heiser; »ich habe ihn nicht gestohlen. Ich bin auf einem Botengange zum Schmied in Siebenbrücken nur vorbeigegangen an dem Meierhofe. Sie haben mir die Federn gezeigt, ich sagte aber, das sind keine Hahnenfedern, das sind Geierfedern, wovon ich eine auf den Hut gesteckt, und ich weiß nichts vom Hahn!«
Philippus streichelte mit seinen knochigen Händen sich den langen roten Bart. Dann sagte er zum Gefangenen: »Du zwingst mich auch noch, daß ich dich als Lügner strafe. Du weißt es wohl noch nicht, wie meine ehrwürdigen Vorfahren den Lügner gerichtet haben? Du sollst es sogleich erfahren. – Junge!« so wandte er sich an einen halberwachsenen Burschen, »gehe in meine Stube und hole die gelbe Tasche heraus.«
Die Verblüffung der Anwesenden wuchs. In früheren Jahren war Philippus ein beliebter Metzger gewesen. Hatte es in der Nachbarschaft und selbst weiter um im Tal etwas zu schlachten gegeben, so wurde Philippus dazu gebeten; dieser Mann warf mit einigen Schlägen jeden Ochsen hin, und das Schwein war auf seinen wohlgezielten Stoß augenblicklich tot. Als aber Philippus später bei zunehmendem Alter und bei gesteigertem Grolle gegen alles anfing, sich an den Qualen der Tiere zu ergötzen, machte er die Sache umständlicher und richtete es manchmal so ein, daß das Opfer noch zuckte, wenn er ihm die Eingeweide herausriß. Da meinten die Leute, er solle daheimbleiben auf seinem Lackenhof, sie wollten ihre Metzgerei schon selbst besorgen. Also mußte er sich begnügen mit den Freuden, die das Metzgern in seinem eigenen Hause bot. In der gelben Ledertasche, um die der Junge jetzt geschickt worden war, befanden sich die Schlachtwerkzeuge.