Weil es nun dunkel geworden war, ließ Philippus zwei Fackeln anzünden, deren Träger zur rechten und zur linken Seite des Kreuzes stehen mußten. Der schwarze Pechrauch qualmte empor. Philippus öffnete die Tasche, er tat es langsam, mit feierlicher Gebärde, doch das leise Zittern seiner Hand verriet eine innere Leidenschaft. Das erste, was er hervorzog, war ein Schlagbeil; dann kam ein Eisenring mit scharfen Kanten, hernach ein langes scharfes Messer. Der Gefesselte begann beim Anblick dieser Dinge zu beben, die Zuschauer wurden blaß vor Entsetzen. In den Mienen des Philippus war ein unheimliches Zucken, in seinen grünlichen Äuglein ein grauenhaftes Leuchten. Der Oberknecht flüsterte zu seinem Kameraden: »Er ist wahnsinnig geworden!« Zögernd trat der Knecht zu Philippus vor, berührte ihn ein wenig am Arm und sagte leise: »Herr Vater! Wäre das so gemeint? Peitschen, wenn Ihr wollt, aber so nicht. So nicht. Es ist ja nur ein Hahn gewesen, ein altes wertloses Tier. Wir führen ihn zum Gericht, wenn Ihr wollt. Dort sollen sie den Dieb bestrafen.«
Philippus bäumte sich langsam empor. »Was geht das dich an!« sagte er dumpf und rauh. »Richtet ihn auf!«
Nach diesen Worten ergriff er mit beiden Händen das Beil. In demselben Augenblicke krähte ein Hahn.
»Das ist er! Er ist es!« rief alles untereinander und deutete auf einen Söller hin. »Er ist nicht gestohlen worden, da oben sitzt er!«
»Es muß ein anderer sein!« sagte Philippus.
»Nein, nein, es ist der vom Meierhof. Mit einer Garbenfuhr muß er herübergekommen sein auf die Insel. Es ist unser Hahn, wir kennen seine Stimme und der Karrner ist unschuldig!«
»Und sterben muß er doch!« sprach Philippus, mit gehobenem Beile dem Hingestreckten nahend. Jene drei Knechte, die den Karrner gebracht hatten, rissen den Wütenden nach rückwärts. Wütend, rasend wehrte er sich vor seinen eigenen Knechten. Es half nichts, sie warfen ihn zu Boden und entwanden ihm die Waffe. Der Jungknecht erfaßte das Schlachtmesser, schnitt an dem Josue die Strohwinden entzwei, führte den also Befreiten eilig zum Ufer hinab, machte den zur Stelle stehenden Kahn frei, und nun glitt der Karrner hinaus – gerettet.
Philippus riß sich mit gewaltigem Grimme von den Armen seiner Knechte los und sprang zum Ufer hinab: »Sterben muß er!«
Aufrecht wie er war, lief er ins Wasser hinein, der schwarzen Masse des Fahrzeuges nach, das eben vom Ufer abgestoßen hatte. Der Karrner sah noch die Gestalt des Verfolgers und in dessen Hand das Blinken des Messers, er sah, wie die Gestalt mit jedem Schritte, den sie nach vorwärts tat, tiefer ins Wasser sank, bis endlich nur mehr das dunkelbemähnte Haupt über demselben war. Aber dieses dunkle Haupt glitt heran und rasch heran, so sehr der des Ruderns unkundige Karrner auch die Schaufel einsetzte und vorwärts strebte. Er hörte das schnaufende Fluchen des Verfolgers, er sah, wie manchmal neben dem Haupt aus dem Wasser ein Arm sich hob mit dem Messer. Der Mann schwamm nicht, das war zu merken, er hatte noch Grund unter den Füßen. Also floh das Fahrzeug vor der schwarzen Kugel, die auf der Oberfläche des Wassers nachzurollen schien. Der Karrner dachte an sein Weib, an seine Kinder, er rief die Mutter Gottes an um Hilfe in solcher Not, mit aller Macht die Fluten schlagend. Und siehe, der dunkle Punkt des Hauptes tauchte tiefer und tiefer hinab – noch ein Sprudeln und Gurgeln des Wassers, dann war der Verfolger verschwunden.