»Ich bitte dich, erzähle!«

»So werde ich rasch und kurz erzählen. – In einer Weinlaube des Gasthausgartens setzte ich mich ermüdet hin und musterte die Speisekarte. Ich suchte nicht nach dem feinsten Braten, sondern in der Preisrubrik nach der kleinsten Ziffer – nun, das kannst du dir ja denken. Es war für die Italiener noch nicht die Zeit des Mittags, so war der Garten fast leer, nur hinter einem Zitronenbaum saß ein Herr mit weißem Backenbart und schaute zwischen den grünen Blättern zu mir herüber.

Lange so, und immer wieder. Endlich schob er seinen Teller beiseite und blickte noch schärfer auf mich her. Dann stand er auf, kam an meinen Tisch und drückte mir die Hand. Er tat es, ohne ein Wort zu sagen, dann trat er wieder an seinen Tisch zurück und brütete vor sich hin. Hernach zog er aus seinem Ledertäschchen eine Photographie und sah sie an und schaute auf mich – und stützte sein Haupt traurig auf die Hand. Jetzt mußte auch ich immer wieder auf ihn hinblicken und wurde dabei unruhig; ich bildete mir ein, das wäre ein großer Künstler und habe an mir vielleicht das Genie entdeckt; du siehst, ich hatte nicht mehr weit zum letzten Ziele manchen Künstlers – zum Narrenhaus. Es gehörte ein Wunder dazu, um mich davon zu retten – und das Wunder geschah.«

»Als ich,« fuhr mein Freund Wendel fort, »mich zur Not gesättigt hatte, erhob ich mich, um meine nebelhaften Wege weiter zu wandeln. Da sprang der Mann am Zitronenbaume auf, hielt mich zurück, er wolle wissen, wer ich wäre.«

»Also ein Polizeiorgan!« rief ich aus.

»Mein Bester,« sagte Wendel, »ich sage dir noch einmal, wenn du in meiner Geschichte die Wahrheit erraten willst, so mußt du dich gerade an die größten Unwahrscheinlichkeiten halten. Der Mann hörte meine Geschichte, kaufte mir neue Kleider und ich war tagelang sein Gast. Er war liebevoll und fast zärtlich mit mir, und er war doch nur ein Fremder. Mehrmals sah ich ihn weinen. Er lud mich ein, mit nach Rügen zu kommen, wo er ein Gut habe, er wolle für mein Fortkommen sorgen helfen.«

»Er hatte dich so plötzlich liebgewonnen?«

»Und weißt du, warum? Weil ich große Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Sohne hätte.«

»Du gingst mit ihm?«

»Natürlich, ich ging nicht mit ihm, ich ging nach Rom. Und als ich dort meine Künstlergelüste gründlich ausgehungert hatte, und in dem Gemäuer des Kolosseums bei den Fledermäusen mein Nachtlager hielt, fiel mir wieder die Einladung des greisen Mannes ein. Ich schrieb ihm, daß ich nun kommen wolle und ob er für mich einen Erwerb hätte; wäre es was immer, nur ein ehrlich Brot. Er schickte mir Geld, ich reiste auf dem kürzesten Wege nach Rügen. Als ich nach Zurkow kam – auf dieses schöne, reiche Zurkow, ja – da hat er mich wie einen lieben Anverwandten empfangen, hat seine Tochter gerufen, mich ihr vorgestellt und ausgerufen: Nun Freda, ist er's nicht? – Ja, sagte Freda, und doch wieder nein, Albin war nicht so schlank. – Aber er hatte dasselbe nußbraune Haar, das ihm geradeso in die Stirn stand, denselben Mund, das ganze Gesicht; schau' sein Aug' an, Freda, schau' sein Aug' an! O Gott, mein Albin! – Er hat geweint, sie hat ihn mit Mühe beruhigt –«