»Und dein Auge?«

»Das hat sie angeschaut.«

»Dann verliebt?«

»O nein,« antwortete mein Freund Wendel, »so schnell ging das nicht. Wir mußten uns erst aneinander gewöhnen. Der Alte gab uns zu schaffen, der wollte – höre es! – er wollte uns schon in den nächsten Wochen zusammenhaben. Er war durch den plötzlichen Verlust seines Sohnes verwirrt, beinahe schwachsinnig geworden.«

Wendel führte mich dann zum Fenster: »Du siehst dort die weißen Felsen?«

Ich sah sie in des Mondenscheines nebelhafter Blässe schroff aus dem Meere aufragen.

»Von jenem Felsen,« fuhr mein Freund fort, »ist Albin Marketze, der einzige Sohn des reichen Mannes, in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre auf einer geologischen Exkursion, bei der er sich zu tollkühn an die Hänge hinauswagte, in das Meer gestürzt und zugrunde gegangen. Der Vater war trostlos, seine Tochter, nun sein einziges Kind, suchte ihn umsonst zu zerstreuen, er gab sie zu Verwandten nach Putbus, überließ das Gut einem Verwalter und ließ sich von seinem Grame ziellos in der Welt herumtreiben. So war er auch nach Genua gekommen, wo wir uns also begegnet waren. Ich kann ihm die Liebe, die er mir schenkte, nimmer vergelten, der kranke Greis sah in mir seinen verstorbenen Sohn. – Hast du dieses Bild schon betrachtet?« Wendel wies auf das Ölgemälde an der Wand.

»Das scheint ein gewandter Künstler geschaffen zu haben,« bemerkte ich, »es ist Individualität in dem Bilde und doch stört mich etwas in den Zügen. Durch die wohlbekannte Form schaut mich eine fremde Psyche an.«

»Im ganzen leugnest also auch du die Ähnlichkeit nicht. Und siehe, das ist das Porträt des verunglückten Albin.«

Das fand ich denn doch merkwürdig und nun fing ich an, das besondere Interesse des alten Marketze für Wendel zu begreifen.