Du wirst Dich wundern, daß ich Deiner Einladung, mit Dir auf mehrere Tage ins Unterland zu der Weinlese zu reisen, nicht nachgekommen bin. Ich hatte mich wahrlich schon darauf gefreut; ein alter geplagter Schulmeister hätte der mehrfachen Labung wohl vonnöten gehabt. Aber das Pülverchen, welches ich mir im langen Jahr über für die Schulferien zusammengetan, sollte auf ganz andere Art verpufft werden. Es geschieht mir eigentlich recht, und Torheit muß eine große Sünde sein, weil sie immer bestraft wird.

Du weißt, daß schon seit Wochen von der bevorstehenden Schließung des alten Burgtheaters in Wien die Rede war. Frau Muse muß ja auch einen Ringstraßenpalast haben. Die Schließung des alten Burgtheaters hat mir Herzeleid bereitet. O schöne Zeit, als mich, den armen Studenten, das Burgtheater zum Verschwender meiner irdischen Güter gemacht hatte! Meine väterliche Munifizenz hatte mir täglich für das Nachtmahl die Mittel auf ein paar Würste ausgeworfen: ich ging stets hochvergnügt ohne sie schlafen, um von dem Ersparnis mir am Sonntag meinen Galeriestand im Burgtheater zu erwerben. Wenn ich mich um zwei Uhr nachmittags am Tor anstellte, so hatte ich reichlich vier Stunden Zeit, um, das Buch in der Hand, die Schulgegenstände zu lernen oder zu wiederholen, was freilich mitten in dem Gedränge, das sich gegen Abend einstellte, einer gesteigerten Sammlung des Geistes bedurfte. Endlich knarrte das Tor, begann der kurze, aber rasende Wettlauf durch die dunklen Gänge, über die winkeligen Treppen; bald war ich festständig auf der vierten Galerie, und es begann die olympische Seligkeit. Wagner, Löwe, Beckmann, Anschütz, Rettich waren da, aber ich sah keinen Schauspieler, ich sah und hörte und fühlte nur die Gestalten der Dichter; für Schiller, Shakespeare, Calderon, Grillparzer usw. hegte ich eine geradezu religiöse Andacht. Diese Burgtheaterbesuche haben mich dazumal emporgehoben über meine Bettelstudenten-Existenz, ja mich sozusagen in die Region der größten Geister eingeführt. In der Welt habe ich's nicht so weit gebracht, als ich es zu bringen damals den Anschwung nahm, aber bei den Unsterblichen bin ich heute, nach mehr als vierzig Jahren, noch ein wenig heimisch.

Als nun der Tag der Burgtheaterschließung näher und näher rückt, werde ich unruhig, und plötzlich ist der Entschluß da: Opferst dein für die Ferien bestimmtes Scherflein, reisest nach Wien zur letzten Vorstellung, damit du das alte Theater noch einmal siehst, welches das Glück und die Liebe deiner Jugend war. So bin ich am Donnerstag abends richtig in Wien. Mein erster Gang ist in die Vorstadt Landstraße; obzwar die alte Frau nicht mehr lebt, bei der ich einst meine Kammer gehabt, so wußte ich doch, daß Verwandte von ihr da seien, bei denen ich vielleicht ein billiges Nachtquartier erlangen konnte. Aber ich finde keine Verwandten, ich finde auch das Haus nicht, ich finde die Gasse nicht, und da sehe ich, daß der ganze alte Stadtteil dahin ist, und daß auf dem Platz lauter Paläste stehen. Anfangs erschrak ich, dann mußte ich lachen über mich selbst, der doch so oft von den Veränderungen gelesen und gehört, die in Wien vorgehen; weshalb hätte gerade das alte Haus in der Marxergasse auf mich warten sollen! Ich bin hierauf lange in der Stadt umhergestrichen und habe bei mir überlegt, ob ich es mit einem Hotel wagen dürfe oder nicht. Man hört halt immer von großer Teuerung, und ich weiß noch nicht, wie viel der morgige Tag kosten wird. Auch eine mögliche Erhöhung des Theaterkartenpreises dürfte mich nicht unvorbereitet finden. Endlich dachte ich, sicher wäre sicher und ging in ein Kaffeehaus, da hatte ich Jause, Nachtmahl und vielleicht auch Nachtquartier auf einmal. Man liest ja doch, daß in Wien Kaffeehäuser die ganze Nacht offen bleiben, also nimmt man eine Schale Mokka – denke ich – raucht seine Pfeife, liest Zeitungen, und so vergeht die Zeit. Vielleicht, daß man sich gegen Morgen ein wenig auf die Bank legt, um für den nächsten wichtigen Abend frisch und munter zu sein.

Im Kaffeehause an einem Nebentisch höre ich einige Herren über die morgige Schlußvorstellung im Burgtheater sprechen. Da meint der eine, das Galeriepublikum dürfte sich morgen wohl schon zu Mittag anstellen müssen, um hinein zu kommen. Darauf sagte ein junger Mann, er habe gehört, daß sich schon im Laufe des Vormittags Leute anstellen würden, er selbst habe die Absicht, schon um acht Uhr beim Tore zu sein. Einen Tag könne man doch wohl opfern für diesen Abend, der nicht mehr wiederkehren wird. – Sehr wahr! nickte mein Kopf, und ich komme dir doch zuvor. – Mehrmals hatte ich schon auf eine der mit rotem Sammt überzogenen Bänke hingeschielt, wo ich mich später niederzulassen gedachte.

Ungefähr bis ein Uhr mochte ich mich mühsam durchgeraucht, durchgelesen und durchgegähnt haben, da kommt der Kellner, oder wie sie ihn im Kaffeehause heißen, und bedeutet mir, daß das Haus gesperrt würde. »Ich weiß es,« sage ich, »darum bin ich eben da und will bei der letzten Vorstellung sein.« Das Kaffeehaus würde gesperrt, belehrte der Kellner, es sei die Polizeistunde. Mein Ansuchen, ob ich mich – mit ausgezogenen Stiefeln natürlich – wohl auf eine der Bänke hinlegen dürfte, wurde abschlägig beschieden. So zahlte ich meine kleine Sach' und ging. Ist ja auch kein Unglück; man nutzt Zeit und Weil, geht spazieren, beleuchtet ist's, man sieht immerhin etwas, und so wird die Nacht recht gut vergehen.

O Herr und Freund! Die Nacht verging, aber wann! Man weiß es erst, wie lange der Mensch schläft, wenn man warten muß, bis er wach wird. Um vier Uhr beginnt freilich schon das Knarren der Wägen, aber man sieht auch, daß um diese Stunde noch immer Leute nach Hause gehen, bei denen die Nacht erst anhebt. In der Stadt kehrt man die Kappe nämlich um: für den Tag hat man schwere Fenstervorhänge, damit die Sonne nicht herein kann, um den Schlaf zu stören; für die Nacht erfindet man das elektrische Licht.

Endlich und endlich wird es über den Hausdächern grau. Ich kaufe mir in einem Greißlerladen ein paar Knackwürste und ein Brotlaibchen und gehe nun damit langsam dem Burgtheater zu. Dort herum ist es noch fast ganz so wie einstmals; klein und unscheinbar steht es da und duckt sich unter das schützende Dach des Kaiserhauses. Ich finde mein Tor und stelle mich an. Es schlägt halb sieben. Jetzt wird's licht. Bis es wieder finster wird, ist der Einlaß. Ich bin sehr glücklich, nur kam mir, als ich so dastand, das Bedauern, daß ich den schwarzen Stadtrock angezogen hatte und nicht den Lodenmantel; das gab sich aber bald, um acht Uhr waren unser schon so viele, daß wir einander anwärmten, denn wir hatten einen geschlossenen Körper zu bilden, welchen neu Dazukommende nicht zu sprengen vermochten. Anfangs regte sich gegen jeden neu Anstehenden eine Art von feindlicher Gesinnung, denn er ist ein Konkurrent und wird den Kampf erschweren; allmählich macht man untereinander Bekanntschaft und plaudert über mancherlei. Die verschiedenen Passanten, die Burgwache, vorüberrollende Hofwägen geben Anlaß zu allerlei Unterhaltung. Das Hauptgespräch bildete an diesem Tage das Burgtheater. Alte Erinnerungen an seinen großen Gründer, den Kaiser Josef, an die Dichter, die in diesem Hause vorgeführt wurden, an die genialen Künstler, die da wirkten.

Eine ganze Kulturgeschichte zog vorüber an dem geistigen Auge derer, die bei diesem unscheinbaren Tore standen. Und einer tat die Bemerkung, es gäbe in der großen Wienerstadt kein Haus, von dem so viel und so edler Idealismus ausgegangen sei für Stadt und Reich, als von diesen schlichten Mauern. Die Welt habe ihr Auge und ihr Herz hierher gewendet, und der Genius der Menschheit habe seinen Jüngern hier über ein Jahrhundert lang Stelldichein gegeben. – Ein graubärtiger Alter wies auf den Glücksstern, der über dem Hause stets geleuchtet habe. Während andere Schauspielhäuser mit prunkendem Hochmut aufgerichtet wurden, die Kunst für den Tagesgeschmack herrichteten, um damit Geldgeschäfte zu treiben, und so geräuschvoll, wie sie entstanden, niedergebrochen waren, bewahrte dieses Haus in stiller Weihe seine ewigen Güter, und kein Unheil fand den Mut, an seine Pforten zu pochen. Selten endet ein Schauspielhaus eines natürlichen Todes; viele dieser Gebäude geben sich so leidenschaftlich mit Glanz, Glitzer, Blendwerk und buntem Schimmer ab, bis sie selbst endlich aufgehen in einem furchtbar herrlichen Feuerwerke. Das Burgtheater hütete seine Ampel treu, bis der neue Altar fertig war, auf den es sie hinstellen konnte, um dann selbst mit würdevoller Sicherheit eines edlen Greises zur Ruhe zu gehen. – Ein Mensch, welcher nur der Hetze wegen dazustehen schien, weil er mit allem, was ringsum vorging, seine flachen Späße trieb, erklärte solche Bemerkungen für »Burgtheater-Phrasen«, während ich den Männern, die so gesprochen, hätte die Hand drücken mögen.

Nachdem zu Mittag die Burgmusik uns die Zeit verkürzt hatte und abgezogen war, aß ich mein Mittagsbrot. Gegen Abend wurde mir von Stunde zu Stunde wärmer, und ich legte meine Hand an die Türschnalle, wendete kein Auge mehr von der Pforte, als müsse sie sich jeden Augenblick auftun.

Mittlerweile war die Menge und das Gedränge der Wartenden gewaltig geworden, auch Frauen und Kinder darunter, die mit lauter Stimme manchmal alle Heiligen anriefen vor Angst, erdrückt zu werden. Ich wurde steinfest an das Tor gedrängt. Fünf Uhr war schon lange vorbei. – Diese Stunde war die längste; wir nahten der sechsten, da knarrte das Tor und ging auf. Ich wurde nachgerade hineingestoßen. Und an der Kasse, da habe ich meine Geldbörse nicht! Ich suche im Rocksacke, im auswendigen, im inwendigen, im Beinkleid – ich finde sie nicht! Und während ich noch suche und suche, werde ich zur Seite gedrängt, und alles, was hinter mir gewesen, rast an mir vorüber. Mir war schlecht bis zum Sterben. Nach der Polizei wollte ich rufen, aber ich brachte vor Entsetzen kein lautes Wort heraus. Nach einer Weile, als ich, den kalten Schweiß auf der Stirn, an der Wand lehnte, kam ich endlich so weit zu mir selbst, daß ich mit einiger Fassung meine Taschen neuerdings durchsuchen konnte, und da steckt die vermaledeite Geldtasche wohlverwahrt im Westensack, wo ich aus Besorgnis vor Verlust sie freilich selbst hingesteckt hatte. Aber was nutzt's, an der Kasse ist keine Karte mehr zu haben. Ich stehe mit gerungenen Händen: »Ein Platzel wird doch noch sein im ganzen Haus! Ich zahle dafür, was ich habe!« Dieses höllische Achselzucken von dem Manne! Ich vergesse es nimmer. Und ein Gefühl war in mir, als sei von diesem Augenblicke an mein Leben zwecklos. Wenn mir die Geldtasche wenigstens gestohlen worden wäre! Aber zum Unglücke auch noch das Bewußtsein der eigenen Dummheit, das war das allerschrecklichste.