So stand ich jetzt in der dämmerigen Vorhalle, und drinnen spielten sie Goethes »Iphigenie«. Ich legte das Ohr an die Wand, ob denn nicht ein einziger Laut zu erhaschen wäre. Ach, die Glücklichen, die drinnen sind! Und die reichen Leute, wie gut haben sie es! Da fahren sie im letzten Augenblick an, setzen sich auf ihre bequemen Sessel, wo man alles aufs beste sieht und hört, und keiner denkt an den armen Schulmeister, der aus den fernen Bergen hergekommen, um unter Darben und Kümmern auch nur das bescheidenste Plätzchen zu erringen, und dem es trotzdem mißlungen war. – Ich muß es wohl sagen, die hellen Tränen sind mir übers Gesicht geronnen.
Ich bin aber nicht hinaus, sondern habe gewartet, daß vielleicht doch ein Wunder vom Himmel falle und mich hineinführe. Aber es fiel keines vom Himmel. Lange betrachtete ich die Stücke einer Holzbrüstung, welche die Hineinstürmenden zertrümmert hatten. Jetzt kann hier ja alles zertrümmert werden, sie brauchen nichts mehr. Diese Trümmer brauchen sie auch nicht. Es kam mir der Gedanke, ein Holzstück mitzunehmen, als Andenken an das alte Burgtheater. Ich könnte mir daraus ja Bilderrahmen oder dergleichen schnitzen. Gedacht, getan; als ich jedoch das Holz in der inneren Rocktasche bergen will, stehen zwei Wachleute da, um mich festzunehmen. Im ersten Augenblicke war ich fast gewillt, die Nacht über unter behördlichem Schutze zu bleiben, allein eine Stimme in mir sagte: »Nein, Franz, dich einsperren lassen! So darf das alte Burgtheater für dich nicht enden.« – Ich gab daher der Wahrheit gemäß an, wer ich bin, weshalb ich hergekommen war und warum ich das Stück Holz mit mir nehmen wollte. Hierauf besprachen sie sich eine Weile, und ich begann schon zu hoffen, die Sache könne eine günstige Wendung nehmen. Aber es kam nichts weiter heraus, als daß ich fortgewiesen wurde und das Holztrumm mitnehmen durfte.
Also nahm ich Abschied von dem Hause, zu welchem ich auf weitem Wege wie auf einer Wallfahrt hergekommen war. Habe Dank, du geliebtes Haus! Habe Dank, du geliebtes Haus! Anderes konnte ich nicht mehr denken. So taumelte ich auf die Gasse.
Auf dem Kohlmarkt war noch ein Bildergeschäft offen. Um das Geld, welches für den Eintritt bestimmt gewesen, kaufte ich mir die Porträte von Shakespeare, Schiller und Lessing. Hierauf machte ich einen Spaziergang über den hell erleuchteten Ring. Als ich an das Gebäude kam, das sie von jetzt an das Burgtheater heißen werden, stand ich ein wenig still. Da ragte es vor mir, weiß und kalt. Was wird es nützen, wenn auch die großen Schauspieler mit den Klassikern hier einziehen, wenn die Zuschauer nicht mehr so gläubig sind als einst! Es soll herrlich sein in dem neuen Hause. Ich werde diese Pracht wohl niemalen sehen; ich bewahre mir nur die Erinnerung an das alte Burgtheater, wo die Begeisterung meiner Jugend gewesen.
Auf der Wieden kehrte ich in einem Gasthofe ein; jetzt war gar keine Ursache mehr, so ängstlich zu sparen, morgen früh geht's heimwärts. Aber als morgen früh kam, war ich ein armer Mann geworden. Das Zimmer, dessen Preis im Vorhinein vereinbart worden, hätte mich noch nicht ruiniert, allein das Service, die Bougie und wie all diese schönen Dinge heißen, deren Sonderberechnung man sich in der ehrlichen deutschen Sprache nicht zu nennen getraut, haben mich wirtschaftlich herabgebracht; endlich das Stubenmädchen, das bei meinem Scheiden die hohle Hand herhielt, der Kellner, der die Hand herhielt, der Hausknecht, der die Hand herhielt und der Portier, der auch die Hand herhielt, haben mich selbst zum Bettler gemacht. Kaum konnte ich noch eine Eisenbahnkarte bis Mürzzuschlag erschwingen; in Neustadt als Frühstück und Mittagsmahl ein Paar Frankfurter gehörten so gut wie das Burgtheater bereits der idealen, mir unerreichbaren Welt an.
Mich verdroß es nicht, 's ist einmal so der Welt Lauf. Nur gesund nach Hause kommen! Dann lese ich meine Dichter, und alles ist gut. Im Mürztale wußte ich einen befreundeten Amtsbruder, bei dem ich vorsprechen wollte und der mir schon aus der Not helfen würde mit einem Zehrpfennig für den Rest meiner Heimreise per pedes. Damit mir aber mein Unstern bis zu Ende treu bleibe, mußte der Amtsbruder auf Ferien verreist sein. Jetzt war ich glücklich daran, daß ich in einem Bauernhause um einen warmen Löffel Suppe bat, der mir auch ohne weiteres geschenkt worden ist.
Am vierten Tage meiner Reise, die weniger reich an Vergnügen, denn an Erfahrung war, bin ich nach Hause gekommen, um nun den übrigen Rest der Ferien in stiller Beschaulichkeit zuzubringen.
So weißt du es, lieber Freund, wie es kam, daß ich mit dir nicht ins Weinland fuhr. Mein Mißgeschick habe ich verwunden und gestatte dir, daß du mich recht auslachen darfst. Wenn du einmal zu mir kommst, will ich dir die schönen Bilder von Shakespeare, Schiller und Lessing zeigen, zu denen ich aus dem Holze der Brüstung Rahmen geschnitzt habe, damit ich auch fürder mich freuen und erbauen kann an unseren Klassikern im Rahmen des Burgtheaters.«