Der Priester setzte sich auf die steinerne Bank und sagte: »Damit du siehst, daß ich dir gut bin und vertraue, so schicke ich den Soldaten davon, der zu meinem Schutze dort an der Pforte steht.«

»Das ist mutig, Sir,« versetzte der Gefangene. »Ich habe an den Händen keine Ketten und könnte dich erwürgen.«

»Was würde dir das nützen?«

»Was würde es mir schaden?« lachte der Wilde, »um einen mehr, das wiegt nicht viel, und es könnte sein, es ginge mir gerade noch nach einem katholischen Priester. Doch nein, lass' den Soldaten gehen oder stehen, ich pflege nur um Gold zu morden, aus Rache nie.«

»Wie sollte ich, der ich dich heute das erstemal im Leben sehe, ein Gegenstand deiner Rache sein können?« fragte der Priester.

»Du hast recht. Du bist als Mensch gekommen und nicht als Geistlicher. So kann ich dir nur sagen, daß ein Geistlicher die Kugel geschoben hat, die jetzt so grob geschlagen, so grob, daß ich aus Verzweiflung einen Schrei tun möchte, der die Welt könnt' erzittern machen. – Nun, du sollst es hören.«

Er erhob sich nicht vom Pflaster, die schweren Verletzungen bei seiner Gefangennahme hatten ihn körperlich entkräftet. Er kauerte da und redete.

»Ich bin der Sohn eines Schäfers in Irland,« begann er, »meine Eltern waren fromme und sogar ehrliche Leute. Auch ich war beides und ich hatte einen phantasierenden Sinn, wie ihn die Hirten haben auf ihren stillen Weiden; dann war ich ehrgeizig und strebte dem Höchsten zu, was ein Hirtenjunge kennt, ich wollte Bischof werden. Von Gold und Edelgestein habe ich damals noch nicht viel gewußt, ich wollte nur Bischof werden. Der Pfarrer von unserer Gemeinde – der gute alte Mann! – der riet mir nicht dazu, er meinte, man könne als armer Hirte ebensogut selig werden, denn als Erzbischof. Aber mir wäre es doch als Erzbischof lieber gewesen. Der Pfarrer nimmt sich meiner an, und sein gutes Herz ist mein Unglück geworden. Er fängt an, mich zu unterrichten und schickt mich nach Dublin in eine geistliche Anstalt, wo ich kostenfrei aufgenommen werde. Ich studiere dort etliche Jahre, steige rasch aufwärts, und wenn es in solcher Art fortgegangen wäre, so könnte ich heute zum mindesten Erzpropst zu Cork oder Waterford sein. Da bringt mir eines Tages einer meiner Studiengenossen ein Werk von dem gottlosen Franzosendichter Voltaire. Kennst du den? Ich auch nicht, weiß nur, daß er gottlos war. Mein Kollege ermuntert mich, ich solle das Buch lesen, aber heimlich, denn es wäre verboten. Verboten? Das ist eine Empfehlung. Ich nehme das Buch mit zu Bette, bin aber schon bei der zweiten oder dritten Seite eingeschlafen. Am Morgen, als der Präfekt kommt, um zu wecken, findet er auf meiner Bettdecke den Voltaire. Er konfisziert ihn und konfisziert auch mich – steckt mich auf vierundzwanzig Stunden in das Karzer. Im Karzer habe ich genügende Zeit nachzudenken, was denn in jenem Buche enthalten sein mochte, daß das Lesen desselben solche Strafen nach sich zieht. Meine Neugierde steigt von Stunde zu Stunde, und als ich wieder frei bin, ist mein Trachten, mich unbemerkt in die Präfektur zu schleichen und das konfiszierte Buch wieder zu erhaschen. Das gelingt mir. Ich verstecke mich an einen sicheren Ort, um ungestört der Lektüre nachhängen zu können; aber der Teufel hol' mich noch vor dem Denken, wenn ich daraus klug geworden bin! Nicht einmal den Titel dieses Buches habe ich mir behalten. Was ist das Ende? Ich werde auf meiner Heimlichkeit entdeckt und auf der Stelle relegiert. – So, das war das erste Kapitel.«

Wunderlich war's, wie das der Mensch halb in Grimm und halb in Selbstironie erzählte.