»Mein Lebenslauf« so fuhr er dann fort, »ja, das wäre was für einen Voltaire oder einen andern Gottlosen – wie sie sagen, gibt es heute deren genug – zum Erzählen. Hundert Bände, wenn er wollt' – mein Lebenslauf ist ja geschaffen, in Bänden zu sein. Du verstehst mich. – Ich habe mich wohl noch einmal an die Direktion des geistlichen Institutes gewandt, in Demut bittend um Wiederaufnahme. Vergebens, sie wurde mir versagt. Ausgeschlossen und verjagt. – Nun, jetzt bin ich ein freier Mann in der großen Stadt Dublin. Ins Gebirge zurückkehren und meinen boshaften Landsleuten sagen: Ich habe wollen ein hochwürdiger Herr werden, aber sie haben mich verjagt und jetzt bin ich wieder da. – Nicht um Altengland! So habe ich mich herumgetrieben, solange es ging, habe mich als Führer und Lastträger nützlich machen wollen, aber es war kein Erwerb. Ich war ein Gassenjunge mit zwanzig Jahren, aber viel unbeholfener und blöder als andere meinesgleichen. Ich habe den Gedanken gefaßt, in einer andern Stadt Aufnahme zu suchen, um meine Studien zu beenden, aber ich stand bereits zu tief, hatte nicht mehr den Mut. Ein Kleidungsstück ums andere habe ich verkauft, in Branntweinhöhlen habe ich gekartelt, und in einer Nacht hat mich die Polizei von der Gasse aufgehoben und in Gewahrsam gebracht. Im Arrest macht man interessante Bekanntschaften, nicht wahr? Nun, ich habe von ihnen profitiert; ich habe erfahren, wie sich der Taugenichts Geld erwirbt und wo die sichersten Spelunken sind. Als sie mich auf meine Beteuerung, ein arbeitsames Leben beginnen zu wollen, frei lassen, verlege ich mich sofort auf die Bauernfängerei. Dieses Geschäft gelingt mir besser als den anderen, denn ich kenne die Bauern. Anfangs treibe ich es zahm und begnüge mich mit einem Imbiß, führe sie in der Stadt eine Stunde herum an ein kaum fünf Minuten entferntes Ziel, um ein größeres Stück Geld verlangen zu können. Endlich gehe ich weiter und führe sie in die Spielhöhlen. Ich bin respektabler Falschspieler, finde aber meinen Meister und in einer Nacht verspiele ich Leib und Leben. Leib und Leben! Wir spielten darum. Ich hatte keinen Heller mehr in der Tasche, keinen Knopf mehr am Leib, der mir gehört hätte. »So gilt's um deine Haut und was dazu gehört!« sagte mein Gegenspieler. »Es gilt,« sagte ich. In einer Minute darauf gehöre ich ihm. »Jetzt habe ich das Recht, dich zu erdrosseln,« sagte mein Herr. »Das hast du,« antwortete ich. »Das wäre doch ein schlechtes Geschäft,« lachte er, »du bist ein schöner, junger Mann und hast ein Gesicht wie ein junger Heiliger – dich verwerte ich besser. Wir reisen nach London, dort blüht unser Weizen und sollst nicht allein das Stroh davon haben. Zeigst du dich verwendbar, so wird es dein Schade nicht sein.« – Es ist gut, denke ich, in London kann ich vielleicht meine theologischen Studien fortsetzen – daraus siehst du, was ich für ein einfältiger Junge bin. Einfältig und verschmitzt! Wir fuhren dann über die See und von Liverpool nach London. Dort begann mein Ruhm. Vom Hehlerjungen zum Taschendieb, zum Einschleicher und Einbrecher ist für ein Talent kein langer Weg, ich übergehe die Heldentaten, sie sind dir und mir langweilig, sie sind tausendmal dieselben. Ich stieg auf meiner Stufenleiter so hoch, bis ich eines Tages Polizeibeamter der City war. In der Tat, ja! Es sind mir – ich war stets der treue Diener meines mächtigen Herrn – Papiere verschafft worden, mittelst welcher ich Priester der heiligen Themis wurde. Gewesene Wilderer sind ja die besten Jäger. Du kannst dir denken, welche Vorteile daraus unserer Sache erwuchsen. Es waren unser eine wohlorganisierte Bande von viertausend Köpfen, die meisten derselben trugen Seidenhüte, viele davon wurden von manchem ehrsamen Bürger Londons untertänig gegrüßt. Unsere Hauptverbündete war die Themse, sie verbarg unsere Toten. In den ersten Jahren, selbstverständlich vor meiner Polizeiperiode, saß ich ein paarmal kurze Zeit, später wohnte ich nur mehr als Gentleman, bezog ein anständiges Gehalt vom Staate, aber ein dreifach größeres von unserer Verbindung. Da kam ein Tag, und es war plötzlich aus. Ein Einbruch in den Tower, um eines unserer Häupter aus dem Gefängnis zu befreien, mißlang. Nun war es mein Amt, dasselbe auf diplomatischem Wege zu befreien; da durchbrach ein vermaledeiter Profoß das Gewebe, womit wir die Londoner Polizei so sinnig umsponnen hatten, ich war entlarvt und leider auch gleichzeitig gefangen. Ich war gefaßt auf zwanzig Jahre Kerker, aber England dachte seinem emeritierten Polizeibeamten eine Vergnügungsreise zu. England besitzt in Australien eine Sträflingskolonie – also nach Australien.« – Nach einer Weile, während sich der Erzähler zu sammeln schien und auf ein Kruzifix blickte, das an der Mauer hing, sagte er:

»Morgen will Neu-Süd-Wales eine schöne Ausnahme vom britischen Gesetz machen und einen henken, weil seine Bande den Reisenden Ludwig Leichhardt umgebracht haben soll. Ich sage dir, Priester, ich habe dich nicht rufen lassen, daß ich mich vor dir verteidige, aber das wiederhole ich dir, wie ich es dem Gerichtshofe wiederholt habe, an dem Morde Leichhardt's bin ich so unschuldig, wie der Schächer am Kreuz an Christi Tod. Ich will nicht gehenkt sein, das ist etwas für gemeine Gäuche. Ich will, daß sie mir den Kopf abschlagen.«

Er schwieg hierauf lange. Der Priester erlaubte ihm, fortzufahren.

»Sehr gern,« versetzte der Gefangene, »wenn ich nur zerknirscht sein könnte! Ich fühle in mir nicht genug Reue, mir ist, als hätte es so sein müssen und lebe ich wieder, so handle ich vielleicht wieder so. Darum muß ich aus der Welt gebracht werden, ich selbst beantrage es. – Der Dampfer, auf welchen wir eingeschifft wurden, hieß »Irland«. Mir zum Hohne der Name meines Vaterlandes. Wir nannten ihn aber die schwimmende Hölle. In Wahrheit, das war er. Unser sind an dreihundert gewesen, lauter Verbrecher aus England. Die Aufseher haben uns, um sich auf dem Schiffe der Sorglosigkeit hingeben zu können, in den tiefsten Unterräumen mit Ketten zusammengeschmiedet. Wir sahen viele Wochen kaum einen Sonnenstrahl, unsere halbblinden Rundfenster waren meist unter Wasser. Keine Luft und Nahrung. Leider noch zu viel zum Verhungern. O Voltaire! Hätte dich im Mutterleib der Blitz erschlagen, ich stünde im Dom und trüge prachtvollen Ornat, anstatt in dieser Pestgrube auf dem Weltmeere zu verderben. Mir zur Linken der Nachbar wurde typhuskrank und starb. Wir verheimlichten den Aufsehern seinen Tod, um seiner Portion Nahrung nicht verlustig zu werden, die wir Nächststehenden uns als Erbschaft teilten. Aber der Tote, der nicht zu ihren Ohren kam, kam zu ihrer Nase und wir wurden auf einige Tage gelüftet. Im Indischen Meere ging es ein wenig unstät her und wir wurden durch Stürme südlich, ich glaubte gegen die Kerguelen, verschlagen. Das Schiff mußte an einer Insel landen, um Wasser zu schöpfen. Hier gelang es dreien von uns zu entkommen. Ich war mit ihnen. Es war aber ein böser Gewinn. Wir durchirrten die unfruchtbare Steinwüste. Einer von uns, der nach der finsteren Hölle das grelle Licht und das heiße Sandwehen nicht ertragen konnte, erblindete. Wir hatten Keulen bei uns, um Tiere zu erschlagen und von ihrem Fleische zu leben. Aber die Gegend war tot und starr, soweit das Auge spähte, der Hunger drohte uns wahnsinnig zu machen, da erschlugen wir unsern Blinden … Nach einigen Tagen, als der Vorrat bereits alle oder verdorben war, sann ich nach einer Gelegenheit, auch meinen andern Genossen umzubringen und der hat später kein Hehl daraus gemacht, daß er einen gleichen Anschlag gegen mich im Schilde geführt. Wir trauten einer dem andern nicht; wir hatten in der fürchterlichen Wüste niemand, als uns allein, und wir waren unsere gefährlichsten Feinde. Endlich wurden wir von unseren Soldaten wieder glücklich eingefangen und, beim heiligen Gott, wir setzten uns nicht zur Wehr. Wir kamen endlich nach Australien und landeten in Van Diemens-Land – wir nannten es das Teufelsland, aber im lustigen Sinne, denn in ihm regierte Vater Howe.«

»Howe,« unterbrach ihn der Priester, »so hieß ja der berüchtigte Räuberhäuptling in Tasmania.«

»Ganz richtig, Sir, eben derselbe. Ein Landsmann von mir – hatte ähnliche Schicksale und ich war entschlossen, um jeden Preis unter seine Fahne zu kommen und, wie er, ein gefürchteter Bandenführer zu werden. Aber man war schlau und ahnte, daß Howes Schar auf uns neue Einwanderer eine große Anziehungskraft haben dürfte, wir wurden nach Neu-Süd-Wales eingeschifft. Und in diesem Lande erging es mir so wunderlich, wie sonst nirgends. Wir Sträflinge wurden freigelassen und arbeiteten teils an Häfen, Kanälen, Straßen und Eisenbahnbauten und am Aufbaue der Stadt Sydney. Ich sah bald ein, hier war die Stufenleiter wieder eine andere und ich richtete mich danach. Ich arbeitete und heuchelte und war auch fleißig in der Tat und war verwendbar und machte mich verläßlich. Nach einem Jahre war ich Arbeitsaufseher, nach drei Jahren gaben sie mich und einige andere, die sich brav gehalten, frei. Jeder von uns erhielt ein Stück Land mit Schafen und Pferden. Ich verstand was davon und der Hirte aus Irland wurde ein Squatter am Darlingflusse. Ich baute mir ein Haus auf der Station und baute mir ein Haus in der Hauptstadt. Ich war ein reicher und somit ein ehrenwerter Mann. Ich lebte auch danach und hatte eine laute Stimme in unserem Parlament. Es war gut, ich könnte heute Bürgermeister von Sydney sein; mancher der Deportierten hat es hoch gebracht. Vor allem reich sein, das ist die Hauptsache. Danach handelte ich und wie ist es geworden? – Daß ich heimlich einen schwunghaften Rumschmuggel betrieb – du weißt, daß Rum bei uns verboten war, und daß ich selbst auf meinem Landgut eine Branntweinbrennerei besaß – hätte nicht geschadet, wenn es nur nicht an den Tag gekommen wäre. Mir kostete die Sache mehr als die Hälfte meines Vermögens und ich mußte trachten, es wieder zu ergänzen. Und nun beging ich die größte meiner Taten.«

»So erzähle sie,« sagte der Priester, »aber fasse dich kurz.«

»Kurz? Hast du keine Zeit?« fragte der Gefangene, »du willst dich beklagen und ich zähle mein Leben nur mehr nach Stunden.«

»So erzähle, wie du willst, Hauptsache ist hier die Erleichterung deines Herzens.«

»Es wird nun vom Gold die Rede sein,« fuhr der Irländer fort, »und das ist ein böses Thema. Es war zur Zeit, als Australien auf war, um Gold zu graben. Der Squatter wie der Vornehme, der Fischer wie der Beamte, alles grub Gold. Alle aus der alten Welt anlangenden Schiffe brachten Goldgräber. Viele wurden reich, viele gruben sich das Grab. Noch mehr wurden elend. Auch ich habe gegraben, aber die Lohnarbeiter haben mich betrogen und für meine Person war mir die Wühlerei nicht amüsant genug. Es gibt bessere Mittel, um reich zu werden, als die Arbeit der Hand. Die Spekulation, du errätst es ja. Ich sah, wie sich die goldsuchenden Menschenmassen immer mehr in das Binnenland zogen, während die Lebensmittel, je mehr von der Küste entfernt, je kümmerlicher und ungenügender wurden. Ich verkaufte mein Haus in Sydney und kaufte ganze Schiffsladungen mit Nahrungsmitteln und schaffte sie in Gegenden, in welchen große Goldfunde vorausgesehen werden konnten. Aber die Berichte von neuen Goldgruben schwankten hin und her und die Goldgräber zogen der Fata Morgana nach, gleichviel, ob sie in den wasserlosen Wüsten oder im Scrub verschmachteten. Ein großer Teil meiner Waren lag an einem Nebenflusse des Murray und lief Gefahr, zu verderben. Diese Waren mußten an Mann gebracht werden. Aber wie? Die Gegend war wieder öde geworden, nur die Känguruhs und die Dingohunde durchstrichen den Scrub. – In denselben Tagen war's, daß ein Squatter, nennen wir ihn John Peak, von seinem Bruder am Murrumbidschifluß ein Schreiben erhielt, daß in seiner Gegend, westlich der Blauen Berge, ein unbeschreiblich reiches Goldlager entdeckt worden sei. Ich selbst sah den Brief und machte ihn bekannt. Allsogleich große Aufregung in den Küstenprovinzen und die Leute eilten herbei, um sich bei John Peak des näheren zu unterrichten. Peak kündigte an, daß er gesonnen sei, an einem der nächsten Tage früh mit großen Warenladungen von Lebensmitteln nach dem Murrumbidschiflusse aufzubrechen, wer wolle, der könne sich dem Zuge anschließen. Und siehe, an dem bestimmten Morgen, kaum die Elster ihr Lied sang, war eine große Anzahl von Männern mit Grabscheit und allerlei Arbeitsgeräte zusammengekommen, um sich dem Zuge anzuschließen. Vierzig paar Ochsen waren an schwer beladene Wagen gespannt und diesen schwerfälligen Fuhrwerken folgten die Goldgräber, junge, kräftige, lebenslustige und arbeitsmutige Leute, heiter und hoffend, und so bewegte sich die Karawane den neuen Goldfeldern entgegen. Es war im Januar, also mitten im Sommer. Die Gegend war heiß und wurde von Stunde zu Stunde öder. Das Gras an der Wurzel war zu Heu geworden, die Bäche waren vertrocknet, kaum daß in einzelnen schlammigen Sümpfen Menschen und Tiere ihren Durst zur Not löschen konnten. Die Blätter der Gummibäume hingen welk herab, gaben aber keinen Schatten. – Ich erzähle dir diesen Zug genau, wie er in meiner Erinnerung ist, weil er mir von allen meinen Wegen heute am schwersten auf dem Herzen liegt. Der Weg hatte über Gebirgskämme und Steinflächen geführt, aus denen wir zwar fortkamen – ich war stets dabei, das merke dir – die Ochsen dagegen aber harte Mühe hatten, die schweren Wagen weiterzubringen. Wir mußten Hand anlegen, jetzt vorwärtsschieben, jetzt zurückziehen und dann wiederum die Lasten vor Sturz in die Abgründe bewahren. Einige hatten dem Fuhrwerk bereits auch ihre mitgeschleppten Habseligkeiten aufgebürdet, wofür sich Mister John Peak wacker bezahlen ließ. So hatte die Reise bereits vier Tage gewährt und wir befanden uns nun in einer vollständigen Wildnis, wo weit und breit keine Ansiedlung war, ein dürrer Boden, den wohl noch niemals die Füße eines Europäers betreten hatten.