Meine Entrüstung darüber, daß Anton, der immer Lustige, um teures Geld solche Späße treibt, war nicht gering. Der Scherz kostete mindestens fünfzig Franken. War der Junge nicht bei Trost? Sollte er im Lande der Sonne doch ein bißchen Sonnenstich bekommen haben?
Nach der Entrüstung kam die Erwägung. Am Ende war doch etwas an der Sache. Vielleicht Liebeshändel; bei solchen kann man auch anderswo den Kopf verlieren. Aber »den Kopf kosten«, das war etwas spezifisch Orientalisches.
Ein Hitzkopf war der Bursche immer gewesen, und bei solchem ist alles möglich. Seinen im Mürztale lebenden Verwandten wollte ich einstweilen die sonderbare Nachricht geheimhalten. Er war meines Vaters Bruders, des Eisenwerksverwalters von Niederaigen jüngster Sohn. Ich hatte ihn stets liebgehabt.
Auf den Drähten der englischen Telegraphen-Kompagnie flogen nun in wenigen Tagen ein paar Depeschen hin und her. Die Gesandtschaft bestätigte alles und drückte den Zweifel aus, ob es gelingen werde, die Todesstrafe in lebenslängliche Zwangsarbeit umzuwandeln.
Kaum zwei Jahre waren verflossen, seit mein Vetter Anton Rosegger nach seinen vollendeten Studien als Techniker sich einer europäischen Auswanderungsgesellschaft nach Persien angeschlossen hatte. Es hieß, daß die Eisenbahn vom Schwarzen Meere aus über Persien nach dem Golfe zustande kommen würde, und dabei wollte er sein Glück versuchen. Ich war anfangs dagegen, weil mir jedes leichtsinnige Auswandern ein Greuel ist; da aber trotz seiner ausgezeichneten Talente, besonders im Zeichnen und in Metallarbeiten, in der Heimat die Aussichten für ein Vorwärtskommen wirklich keine glänzenden waren, der Bursche aber vor Gesundheit und Lebensmut nachgerade Funken sprühte, so ließ ich mich von dem ausgespielten Gemeinplatz: »Junge Leute müssen in die Welt hinaus,« überlisten und erteilte leider meine Sanktion.
Zweimal hatte er seit seiner Abreise geschrieben; das erstemal, daß er in den königlichen Münzwerkstätten zu Teheran arbeite, daß seine Existenz eine gründlich asiatische, doch aber recht erträgliche sei, daß er sich mit den orientalischen Sitten schnell vertraut gemacht habe. Und im zweiten Schreiben an mich hieß es, daß ich zusehen möge, ob er bei einer dritten Europareise des Schah-in-Schah nicht als Großwesir die Majestät begleite! – Wenn die orientalischen Fürsten Hofnarren hielten, dachte ich damals bei mir, dann wäre es schon möglich, daß der muntere, zu allerlei Schalkereien aufgelegte Junge beim Schah sein Glück machte. Nun, in den Ländern von »Tausend und einer Nacht« ist alles möglich – das Großwesirwerden so gut, wie das Geköpftwerden.
Infolge der Gesandtschaftsberichte war ich alsbald entschlossen; was blieb auch anderes übrig, hatte ich ihn doch auf dem Gewissen! Ich hatte in meinem Leben manche große Reise gemacht, um nichts anderes, als um meine Neugierde zu befriedigen; warum sollte ich nun nicht nach Persien, um meinen armen Vetter zu retten, oder wenigstens, ihn noch einmal zu sehen. Zu Hause schützte ich eine größere Reise in die Schweiz und nach Savoyen vor, reiste aber nach Wien, wo Geld und Empfehlungsschreiben zu beschaffen waren. Die Briefe und Depeschen zwischen Teheran und Österreich hatten die unterschiedlichste Zeit gebraucht, das eine Mal drei Wochen, das andere Mal fast genau drei Monate; daraus konnte ich auf die Unregelmäßigkeit des Verkehrs schließen. Meine Reise ging auf der Eisenbahn damals nur bis Galatz, dann auf dem Dampfer ins Schwarze Meer hinaus bis zur kaukasischen Hafenstadt Batum und dann, ohne den Elbrus zu besteigen, über das Gebirge. Im Hotel zu Tiflis bekam ich einen heftigen Asthmaanfall, der mich zwei Tage festhielt. Der Wirt, ein Franzose, ließ mich und meine Sachen ins Freie tragen unter ein türkisches Zelt, weil er der Meinung war, ein toter Passagier vertreibe zehn lebendige. Der Arzt verschrieb mir, alle zwei Stunden einen Tschibuk zu rauchen. Der Tschibuk trieb das Asthma von der Brust in den Magen. Vom Schwarzen Meer bis Tiflis führte damals schon ein großartiger Eisenbahnbau, hernach ist es mit der europäischen Kultur aus; man ist in Asien – und das besagt alles. Die Poesie, mit der wir seit unserem Bibelstudium in der Kindheit das Morgenland ausgeschmückt haben, ist in kürzester Zeit aufgelöst. Auf Eseln und Kamelen die grundlosen oder steinigen, stets von Wegelagerern gefährdeten Steige träge hinziehend, blitzt in der Seele nur selten eines jener wunderbaren Bilder auf, wie sie die morgenländischen Dichter, diese windigen Fabulierhänse, geschaffen. Ich habe mir's überhaupt abgewöhnt, einem Dichter etwas zu glauben.
Meine Spannung richtete sich selbstverständlich nur auf das möglichst rasche Weiterkommen meiner aus asiatischen und europäischen Elementen zusammengewirbelten Karawane. Auf dem Kamele nicht wie ein Reiter, sondern, angeschnallt wie ein Warenballen, kauernd – anfangs machte es mir Spaß; später kam's mir unsäglich langweilig vor, da des Tages oft kaum drei Meilen zurückgelegt wurden. Ein die Verhältnisse kennender Russe versicherte, die Reise gehe so außerordentlich gut von statten, daß man diese Karawane einen Eilzug nennen könne. Also reiste ich mit »Eilzug«. Die Ortschaften, die wir passierten, waren über alle Vorstellungen armselig, die Herbergen so elend, Essen und Trinken so europawidrig, daß ich den Vetter nicht begriff, der sich mit den orientalischen Zuständen schon so vertraut gemacht haben wollte. Die Strecke von Wien bis Tiflis legte ich in neun Tagen zurück, jene um das Dreifache kleinere von Tiflis bis Teheran in dreiundzwanzig Tagen. Am 10. Dezember war ich endlich in der persischen Hauptstadt. Trostlose Armseligkeit und fabelhafte Pracht ist der erste Eindruck, den diese Königsstadt macht. Ein wunderliches Gemisch von morgen- und abendländischen Erscheinungen: unter Telegraphenstangen hocken zerlumpte Derwische, in französischen Konditoreien kauern schläfrige Haschischraucher. Neben modernen Palästen gähnen fensterlose Höhlen, aus Stroh und Lehm zusammengebacken, »Bürgershäuser« der Königsstadt. Selbst die Stadtmauern, zumeist aus Lehm aufgeführt, sind derart, daß bei allfällig geplanter Erstürmung derselben eine Wasserspritze bessere Dienste leisten würde als eine Kanone. Eine nähere Beschreibung des Lebens und Treibens zu Teheran behalte ich mir für ein anderes Mal vor, mein jetziges, wichtiges Ziel war fürs erste die österreichische Gesandtschaft.