Das Herz sprang mir bis zum Halse herauf vor Freude, als ich wieder die Sprache der Deutschen hörte, nachdem ich mich bisher so kümmerlich mit meinem bißchen Französisch und Steirisch durchgeholfen hatte. Wo nämlich in Herbergen oder bei Lastträgern mit dem höflichen Französisch nichts auszurichten gewesen war, da hub ich mit geballten Fäusten gut steirisch zu fluchen an, und das hatte manchmal gar keine üble Wirkung. Hier bei der Gesandtschaft umarmte ich den ersten Beamten, der mich auf meine Schriftstücke hin deutsch anredete, wie einen alten Freund, und die erste Frage war: »Ist's noch früh genug?«
Der Beamte wich mit seinem Blick meinen Augen aus und antwortete, am Leben wäre er zwar noch …
Ob Hoffnung vorhanden?
Ein leichtes Achselzucken. Nun erschien der Herr selbst, den seine Unterbeamten Konsul nannten. Ein braunbärtiger Mann mit rotem Fez auf dem Haupte, den er beim Gruße nicht lüpfte. Er war, wie ich schon wußte, ein geborener Mährer. Er setzte sich auf einen sehr niedrigen Schemel, bot mir Platz auf dem Diwan, eine Zigarette und machte mir dann Mitteilungen. – Geschehen sei alles für meinen Verwandten, und mehr als was getan worden, könne überhaupt nicht geschehen. Mein Vetter sei gefaßt, ich sollte es auch sein; er erwarte mich mit großer Sehnsucht, ich würde bald zu ihm geführt werden können, vorderhand müsse ich mich etwas erholen von den Reisestrapazen.
Meinen Anzug ordnete ich in dem mir angewiesenen Zimmer des Gesandtschaftshotels unter Mithilfe eines braunen Jungen rasch und untadelhaft, als sollte ich die Aufwartung bei einem Würdenträger machen, anstatt bei einem Todgeweihten im Kerker; ich hielt mich hierin an eine orientalische Sitte, auf die mich der Konsul aufmerksam gemacht hatte. Das vorgesetzte Mahl mußte mir mein Gastherr mit vieler Mühe annötigen, ich war voller Ermattung und Angst. Auch so müde war ich, so steif die Beine von dem langen Ritt. Der feurige Perserwein tat seine Pflicht, machte mich zuversichtlich und aufgeweckt, um so mehr, als auch der Konsul, der mit mir speiste, bisweilen munteren Gesichtes mich tröstete. In Asien sei ein zum Tode Verurteilter noch lange nicht aufgegeben, Despotenlaunen seien ja bekanntlich unberechenbar.
»Aber, Herr, worin besteht denn eigentlich das Verbrechen meines Vetters?« kam ich endlich dazu, zu fragen.
Darauf, meinte der Gesandte, sei nicht so leichthin zu antworten.
»Hat er in Unkenntnis der Zustände eine staatswidrige Handlung begangen?«
»Ein politisches Verbrechen, meinen Sie,« sagte der Konsul, »derlei gibt es hier nicht, Freund. Aber gegen den Propheten hat er gesündigt, gegen die Tafeln des Kalifen. – Hören Sie denn, wie es sich zugetragen hat. Ihr Vetter hatte in der königlichen Münze, wo wir ihn gleich anfangs durch einen günstigen Zufall unterbrachten, sich bereits eine vorteilhafte Stellung erworben; er befehligte ein paar Dutzend Arbeiter, und der Schah hat den fähigen jungen Mann bei mehreren Gelegenheiten ausgezeichnet. Besehen Sie sich einmal dieses Geldstück!« Er zeigte mir ein neues Goldstück, auf welchem das Bild des Schah in feinster Prägung prangte. »Könnte das nicht ebensogut in Paris oder in Wien geschlagen worden sein? Das ist ein Werk Ihres Vetters. Er wäre heute Oberdirektor der Königlichen Münze, wenn nicht plötzlich der Teufel –« er zuckte ab.