Die sächsische Schweiz.
1870.
Wenn es einmal Riesen gegeben hat, – und daran zweifle ich nicht, denn meine Großmutter hat es oft gesagt – und wenn diese Riesen auch geschmackvolle Künstler gewesen sind, dann kann ich mir die Sächsische Schweiz erklären.
Da werden sie einmal zueinander gesagt haben: Was doch dieses Land an der Elbe so öde und leer ist! Wie nimmt sich dagegen da oben das Salzburger Land und die Steiermark und die Schweiz so prächtig aus, da stehen neben den grünen Wiesen und den blauen Flüssen und Seen die großen Berge mit dunkeln Hochwäldern und grauen Felswänden! – Wäret ihr alle dabei, wenn wir hergingen und uns auch so etwas bauten? Und wahrhaftig, sie gingen her, brachen Felsmassen von den südlichen Alpen und vom näheren Riesengebirge und schleppten sie hinab an die Elbe und legten sie an beiden Ufern derselben übereinander und bauten Wände und Türme und nebenhin an den kleineren Bächen bildeten sie Schluchten mit Zacken und Hörnern und Höhlen und allerhand sonderbaren Gestalten. Dazwischen ließen sie aber tiefe dunkelgrüne Täler frei und neben und an und über den Felsen pflanzten sie Laub- und Nadelwälder, und hinter denselben, in Schluchten, errichteten sie Wasserfälle und gruben Tiefen in die Unterwelt.
Und nun hatten die Riesen an der Elbe eine Gebirgswelt voll Wildpracht, wie sie die vielgerühmte Schweiz hat, da oben hinter dem Rhein. Die Schweiz ist zwar schön in ihrer Großartigkeit, aber ihre Großartigkeit ist gar nicht mehr bequem für den Menschen; die Natur scheint dieses Land auch gar nicht für den Menschen gemacht zu haben, sondern für sich selbst. Das Bergland an der Elbe aber hatte die Schönheiten der Natur mit dem Ebenmaß der Kunst vereinigt; es war eigentlich eine ungeheuere Bildhauerarbeit. Und dazu war das Bergland ganz für den Menschen zurechtgelegt; es war ein Steingebirge, aber deshalb nicht unfruchtbar, es war eine wildromantische Felsenwelt, aber deshalb nicht unzugänglich. – Und eben aus diesen letzten Umständen ist zu schließen, daß die Schweiz an der Elbe von kunstfertiger Menschenhand der Riesen gebaut worden ist.
Dergleichen Dinge dachte ich mir, als ich durch die Schluchten des Meißener Hochlandes schritt. Mein Gott, man denkt denn einmal allerhand kindisches Zeug, wenn man so allein und in sich gekehrt dahinschlendert. Als mich endlich die gut angelegten Wege auf Anhöhen führten, fast ohne daß ich's merkte, und ich plötzlich keine Wildbäche und Felswände mehr sah, sondern zwischen sich weithin ziehenden Kornfeldern stand, da wurde mein Denken ein anderes – – nüchterner und vernünftiger.
Dieses Gebirge der Sächsischen Schweiz konnte eigentlich nur durch Vertiefungen entstanden sein, das heißt, die Gegend mußte einst eine Hochebene oder ein einfaches Hügelland gewesen sein. Da kamen Wässer, schwemmten sich Betten, rissen Gräben in das Erdreich, nagten an dem Gesteine und höhlten all die Schluchten. Und als das Wasser schon längst unten in den Tiefen dahinbrauste, begannen an dem entblößten Felsen auch andere Bildhauer zu arbeiten, nämlich die Luft, der Frost und die Sonne, und so sind die eigentümlichen Felsbildungen zustande gekommen. Zu all dem senkte sich verwitternd fruchtbares Erdreich zwischen das Gestein und in seine Risse und Klüfte, und so wuchs in und aus denselben überall der kräftige Wald.
Vom Elbetal aus meint man sich in weiß was für einem Hochgebirge zu befinden, besteigt man aber eine der nahen, kastellartigen Felswände, so steht man erst in gleicher Höhe mit dem übrigen Boden des Meißner Hochlandes. Nur wenige Berge, wie z. B. der Große und Kleine Winterberg, der Lilienstein, der Königstein, erheben sich über die normale Höhe.
Diese hier so überaus seltsame Natur haben die Menschen früh aufgefunden, haben auf die Höhen Häuser und in die Täler Städte gebaut, haben die Flüsse geregelt, überbrückt, Wege und breite Straßen angelegt und dieselben gepflastert und gewahrt; zu den Felsenzinnen hinan haben sie Treppen gebaut und oben sichere Geländer und hohe Türme hingestellt, und auch bequeme Gasthäuser dazu. Und der Elbe entlang haben sie Segel- und Dampfschiffe flott gemacht und feste Straßen und Eisenbahnen angelegt, damit nun von Süden und Norden die Menschen kommen sollten zu sehen, was da auf diesem Fleck Erde für ein Land und Leben ist.