Und sie kommen.
Schon im Frühlingsmonate strömen sie heran aus allen Gegenden, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Herren und Diener; – und solche, die schon gehadert mit dem Leben, weil es ihnen für ihre Millionen keine Lust und Zerstreuung mehr bieten wollte, werden in diesem Hochländchen wieder für einige Tage munter. Da entfaltet sich denn in den Prachtanlagen ein lautes, klingendes Leben, und der Sachse lächelt schlau dazu und schlägt reiche Zinsen aus den Felsen seines Berglandes.
Der Sachse ist aber auch ein Mensch, der sich sehen lassen darf vor den Fremden aus dem Süd- und aus dem Nordlande. In diesem Hochlande wohnt ein gescheites Völklein: gleich auf den ersten Blick merkt der Fremde die Kultur; sie drückt sich aus in den freundlichen, reinlichen Wohnungen, in der bequemen einfachen Kleidung und in der zutraulichem entschiedenen Ausdrucksweise. Kein einziger ist mir auf meinen Wanderungen in der Sächsischen Schweiz begegnet, der mir nicht zuvorkommend einen »guten Tach« geboten hätte. Und wenn ich um den Weg fragte, so wußte man mir denselben stets so einfach und bestimmt zu erklären, daß es eine Freude war. Es mochte vielleicht Zufall sein, aber auffallend war, daß mir auf dem ganzen Wege kein Bettler begegnete, wie sonst in dergleichen Gegenden. Selbst Kinder, die sich als Führer anbieten, wissen das ohne alle Zudringlichkeit und doch entschieden zu tun. »Herr,« sagen sie nach der Begrüßung, »wollen Sie, daß ich Ihnen den Weg und die schönen Punkte zeige und etwas trage, ich habe jetzt Zeit und möchte mir gern ein wenig verdienen!« Und wenn man den gebotenen Dienst ablehnt, so lüften sie wieder das Käppchen und ziehen ihrer Wege.
Die Dorfkirchen sind einfach und meistens evangelisch; die Friedhöfe geschmackvoll, stets mit schönen, sinnigen Inschriften, meistens aus deutschen Klassikern.
Mir hat's wohlgetan in diesem sächsischen Kleinalpenländlein.
Aus der heiligen Stadt.
1870.
In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern durchzogen, von fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen umgeben, angesichts des sich in Südwesten bläulich hinziehenden Thüringer Waldes liegt Deutschlands heilige Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die Dichterkönige, die Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist ein deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden.