Man meint, die Donau müsse nach und nach denn doch etwas von Kultur und Sitte aus den deutschen Landen hinabschwemmen. In Städten, wo die Dampfschiffe rasten, da sammelt sich's trefflich an und die Hauptstadt des Magyarenlandes trägt zum größten Teile deutschen Charakter. Bis aber in den Dörfern und auf den Pußten das Gemeinsame aller gebildeten Völker auflebt, wird noch viel Wasser die Donau hinabfließen. Das ist der selbständige, sich in sich abschließende, der stolze Stamm der Magyaren.
Auf meinen Wanderungen in Ungarn kam ich eines schönen Abends in ein großes Dorf. Es war so weit in dem Osten, daß die Dämmerung dort um eine gute halbe Stunde früher eintritt als in der Steiermark. So lag über den endlosen Ebenen hin der aschfarbige Himmel; nur wo die Sonne niedergegangen war, zogen sich glühende Streifen und Nadeln hin, so innig schloß sich der Himmel an die Ebene und so tief war der Horizont hingezogen, daß er zu sehen war wie die Meeresküste, und die lichten Wolkenstreifen darin lagen wie Inseln auf der graubläulichen See.
Ein ungarisches Dorf ist wie das andere. Da liegt es auf der Pußta und eine sehr breite Straße führt durch. Daß sich auf dieser Straße ein Pferd verstaucht oder ein Wagenrad bricht, ist nicht leicht zu denken; denn eine dicke Mulde aus dem feinsten braunen Staub ist hier ausgebreitet hin und hin, welche zur Regenzeit zum mildesten Teppich wird, in dem man sich wie in ein Kissen verbergen kann mit Roß und Wagen.
Und im Dorfe stehen Hütten aus Lehm und Stroh an beiden Seiten der Straße; die Fensterchen sind so klein, daß kaum ein ungarischer Kopf, geschweige ein ungarischer Schnurrbart ordentlich herauslugen kann. Vor und hinter den Hütten sind Akazien und Maulbeerbäume gepflanzt, welche sich über den fahlen Strohdächern die Arme reichen – die Sonne soll hier gar wüst sein, wenn sie obenan steht. Leblos sind die Gassen des Dorfes nicht, es ziehen uns gemütliche Esel, langgehörnte Ochsen, gesprächige Gänse, grunzende Schweine überall entgegen. Auf dem großen Platze des Dorfes sind umfangreiche Pfützen, zu dünn, um darüber hinzuschreiten, zu dick, um darin unterzugehen, ganz gemacht zum Baden und Wälzen für Menschen und Tiere. Es ist kaum übertrieben – man kann's ja sehen, wie Kinder und Schweine, erwachsene Weiber und Gänse, Männer und Esel in zarter Eintracht in der Dorfpfütze Erfrischung genießen.
Ich sah sie noch lange lustwandeln von meiner Wohnung aus, die mir ein Mann in dem besten Hause des Ortes besorgt hatte, ich hörte von der Rocsma (Schenke) her auch die Tonschläge eines Zimbals – ich ging aber bald zur Ruhe.
In den steirischen Bauerngehöften weckt zum Morgen die Leute der Oberknecht, in Ungarn besorgen das die Mücken; sie schreien und poltern nicht wie der Oberknecht, sie summen und singen nur so herum, sie setzen sich nur so auf die Wangen, auf die Stirne, auf die Nase, und beißen und stechen, daß Ballen wachsen wie Schwämme; dann singen sie wieder – im übrigen kann man liegen bleiben und schlafen, so lange man will.
Es war Sonntag. Vor den Hütten saßen die männlichen Einwohner in ihren weiten Beinkleidern, von denen ich nie ergründen konnte, ob sie Hosen oder Kittel seien. Sie aßen Brot und Speck. Dann erhoben sie sich und gingen zur Kirche hinan, die auf dem Hügel stand. Die Weiber kamen aus den Hütten hervor und gingen auch hinan; sie hatten schmucke Spenser. Die Mädchen waren gar in kurzen, schneeweißen Hemdärmeln und in den bloßen, sorglich gescheitelten Locken. Die Männer hatten kaum eine bessere Kleidung als am Werktage zuvor; viele waren sogar barfuß und die Fransen ihrer weißen Beinkleider schwammen in der Mulde.
Als sie hinanstiegen, war ich auch unter ihnen. Da ich von ihren Gesprächen nicht viel verstand und mich in dieselben also auch nicht mischen konnte, hatte ich Zeit, die Gegend zu betrachten. Das Dorf unten war weit gedehnt, es zählte tausend und mehrere hundert Einwohner. Draußen, gegen Südwesten lagen die Weinhügel, weiter links standen üppige Buchen- und Eichenwälder; – mein geliebter Baum, die Tanne, wächst dort nicht, weit und breit, darum hat die Luft keine Würze, sie ist immer süßlich, lau und schal, wie gekocht. Im Osten lag Heideland, im Norden zogen sich unabsehbare Getreidefelder hin, und weit draußen lag still und ruhig wie die Heide und das Kornland der Donaustrom. Hinter demselben sah man wieder die gelben Streifen der Felder, die fahlen Flächen der Heide und zuletzt im Äther ein mattgraues Band – die Karpathen. Dann begannen die Wolkengestalten in der ungeheuren Himmelsglocke, und diese Wolkengestalten waren mir das Schönste zu allen Tageszeiten im Lande der Ungarn.
Die Gemeinde, die mit mir auf den Hügel gestiegen war, und die Kirche, die, weiß übertüncht, weit in das Land hinausschaute, war kalvinisch. Auf dem Turme prangte kein Kreuz, sondern ein Ding in Gestalt jener alten Waffen, die man Morgensterne nannte. Die Fenstergitter bildeten Herze, Ringe, doch kein Kreuz. Auf dem Friedhofe hinter der Kirche waren viereckige Holzpfähle mit ausgezackten Köpfen als Denkmäler in die Erde geschlagen, aber kein einziges Kreuz. Die Kalviner mögen das Kreuz nicht leiden; sie wollen nicht erinnert sein an den Schandflecken der Menschen, die ihren Heiland zu Dank an das Kreuz geschlagen. Die Kalviner wollen auch kein Bild, weder eine Darstellung Gottes noch der Menschen; unmittelbar wollen sie mit dem Gegenstand verkehren. Das sieht löblich aus; doch wie dadurch der Sinn, die Kunst zuteil kommt, denen die Religion und ihr Kult auch eine Pflegestätte sein soll? Die Einfachheit der lutherischen Tempel tut wohl, ein kalvinisches Gotteshaus aber ist nicht mehr einfach, es ist geradezu trostlos. Da ist rein gar nichts als die nackte Mauer und der Fußboden und die Decke, die glatte Kanzel, der Opfertisch und einige Stühle. Das alles in allem. Dann kommt der Pastor und hält eine Rede, dann singt die Gemeinde Psalmen. Wohl recht einfach, aber noch einfacher wäre, wenn die Mauern auseinandergefallen und die Menschen Gott anbeteten, frei in der allherrlichen Natur des Himmelsgezeltes. Das wäre ein rechtes Bild Gottes und doch kein Bild – ein wahres Gotteshaus.
Der eifrige, eigenstimmige Gesang der »reingläubigen« Kalvinisten hätte mich bald zum Lächeln gebracht, aber das wäre gefährlich gewesen. Es war ein so sonderbares Gesurre, dann wieder ein so gewaltiges Geschrei; und eine einzelne Stimme war in dem Volke, so grell und zackig, und diese wollte nirgends recht hineinpassen, und sie ging, alle anderen Töne durchschneidend, ihre eigenen Wege. Dabei machten die Leute Gesichter, und wie sich der Gesang drehte, so auch ihre Augen und mit den Lippen stiegen und fielen auch die Schnurrbärte. Aber die Andacht in Ehren, sie wird gut gewesen sein.