Eigentümlich war der Ausgang. Sie sangen noch alle, als sich plötzlich die kleinen Mädchen erhoben und singend das Bethaus verließen; diesen folgten die erwachsenen Mädchen, wie sie in den Stühlen gesondert waren. Dann erhoben sich die Weiber und die alten Mütterchen und verließen singend die Kirche. So waren nach und nach alle weiblichen Stimmen verstummt und es sangen nur noch die Männer. Nun aber begannen sich die Knaben zu entfernen und nach diesen traten die Jünglinge, dann die Männer hinaus. Jetzt saßen noch die Greise da und sangen. Dann erhoben sich auch diese und gingen, ihnen folgte der Pastor und nun saß außer mir nur mehr der alte Chormeister allein in der Kirche und sang, bis endlich auch der schwieg und die Kirche verließ. So war der Gesang nach und nach abgestorben und es war still und leer im Bethaus. Jetzt verließ auch ich meinen Winkel und ging an der Kanzel und an dem Opfertisch vorüber in das Freie.

Da war's gar heiß in der Sonne, aber siehe, die Dorfschwemme war in der Nähe. Die Leutchen, wie sie aus der Kirche kamen und sich mit den Ärmeln den Schweiß wischten, machten nicht viel Aufhebens, sie entkleideten sich kurzweg und stiegen in die Pfütze und wuschen sich säuberlich und plätscherten. Sonst, glaube ich, heißt es nach der gestrengen Satzung Kalvins, daß, wer in der Öffentlichkeit einen solch schlüpfrigen Wandel führt, des Landes verwiesen und ausgepeitscht werden soll; nein, so pedantisch genau scheinen es die ungarischen Kalviner nicht zu nehmen.

Sehr schwer sollen sich übrigens auch die Katholiken der ungarischen Dörfer ihre Sache nicht legen. In der Nähe meines kalvinischen Dorfes ist ein katholisches, von dem mir ein alter Einwohner desselben Folgendes erzählte: Als vor mehreren Jahren im Dorfe der Peterspfennig eingeführt wurde, war viel Lärm. Der Pfarrer predigte auf der Kanzel von der Not des heiligen Vaters und stellte diese so ergreifend dar, daß er dabei in Schluchzen ausbrach. Die Bauern blieben trockenen Auges, aber sie starrten so vor sich hin, als ob sie sagen wollten, daß es mit dem heiligen Vater nicht so bleiben dürfe, und daß sie sich in dieser Sache nicht spotten lassen wollten. Und die Bauern derselben Gegend sind wohlhabend. Der Pfarrer ließ mitten in der Kirche eine weidlich große Blechbüchse aufstellen und predigte nun jeden Sonntag von der Armut des heiligen Vaters. Aber die Blechbüchse war denn doch wohl sehr geräumig, denn oft verfügte sich Seine Hochwürden zur stillen Nachmittagsstunde in die Kirche und klopfte mit dem umgebogenen Zeigefinger an die Büchse – das gab noch immer einen schauerlichen Widerhall. Hierauf ließ der Pfarrer einen Priester aus Gran kommen, der eine glänzende Rednergabe besaß und der auf der Kanzel das Elend des Papstes und den Hunger, den er leiden muß, so lebhaft darstellte, daß die Bauern ordentlich Appetit bekamen und nach der Predigt sogleich in die Schenke eilten und ein Bedeutendes an Speck und Schnaps verzehrten. Indes der Pfarrer hatte der Sache Genüge getan und konnte nun wohl einer bedeutenden Ernte gewiß sein. Freilich wohl gab die Büchse noch immer einen hohlen Ton, doch Silberstücke füllen einen solchen Bauch nicht so bald. Als nun eine bedeutende Zeit um war, ließ der Pfarrer die Sammelkasse öffnen und fand darin – ja sind denn diese Bauern Ludersleute? – fand zweiundeinenhalben Kreuzer und einen Pfeifendeckel. So ist mir wohl von boshaftem Munde erzählt worden, und Ähnliches ereignete sich auch in anderen Dörfern Oberungarns.

Nun kehre ich wieder zu meiner Gemeinde zurück. Ich hatte ihr den Vormittag des Sonntags gewidmet, desgleichen sollte auch mit dem Nachmittag geschehen.

Doch ich verlor sie bald; sie verkrochen sich in ihre Hütten, nur daß in der Schwemme noch ein oder der andere Junge plätscherte und daß dann und wann ein Mägdlein auf dem Wege in den entlegenen Keller und zurück durch die Gassen eilte und im Vorbeieilen den Fuß auch ein wenig in das Wasser steckte.

Erst am Abende wurde es rege. Eine Schalmei fing zuerst an, dann begannen in der Schenke Pauken und Pfeifen und jetzt kamen sie herbei von allen Seiten des Dorfes und hüpften schon unterwegs den Nationaltanz.

An Mädchen strömt eine große Auswahl herbei; der Bursche braucht nur zu winken, läuft ihm gleich eine zu. Sie legt ihre Hände flach auf seine Achseln, er legt die seinen an ihre Hüfte, dann beginnen sie zu hüpfen nach rechts und nach links, daß der Schnurrbart wedelt. Das Mädchen guckt dabei ein wenig in seine Augen, ein wenig in den Spiegel, der über die beschnürten Flügel seines glatten Spensers geht, zwar nicht aus Kristall besteht, sondern nur aus dem Glanze des Speckes von so manchem Jahre. Gegessen und getrunken, gönn's ihnen Gott, wird wohl auch wacker. Dann kommen auf Eselkarren die jungen Leute der Nachbardörfer; sind sie auch vormittags geschieden in Bethäusern verschiedener Konfessionen, den Nachmittag haben sie gemeinsam; der Katholik hopst mit lutherischen Mädchen und schlürft kalvinischen Wein, und mitunter verteilt er, weil's denn so brüderlich hergeht, zuzeiten katholische Prügel.

An demselben Abend war's lustig zu sehen und zu hören, aber als es gegen die elfte Stunde ging, da begann auf dem Kirchturme plötzlich die Glocke zu tönen. Ich erschrak; war Feuer im Ort, oder ein Sterbender? Kein Unglück treffe das Dorf und lange lebe der Magyare! Aber Ruhe soll er machen, heim soll er gehen noch vor Mitternacht, so will's der Herr Pastor und darum läßt er die Glocke läuten. Ein praktischer Kalviner benützt die Kirchenglocke also auch zur Polizei; das hat Schiller in seinem Lied von der Glocke vergessen.

Es wurde wirklich bald ruhig in der Schenke und sie gingen heim. Ich sah noch lange durch das offene Fensterchen in die laue Nacht hinaus. Ein paar Hunde bellten unten, sonst war es still; mir kam es fast unheimlich vor; das nächtliche Glockengeläute hatte mich etwas aufgeregt.