Uns begegnet in Mailand zum erstenmale das laute, geschäftige, klingende Treiben des Südländers; der Italiener hingegen nennt Mailand die nordische Stadt. An den Süden erinnern uns in Mailand die flachen Dächer der Häuser, die Marmorbalkone mit den ausgehängten schmutzigen Lappen, die hohen offenen Portale, das schöne Pflaster der Straßen mit Fahrbahnen aus Stein, der Reichtum an Palästen und Statuen und das mächtig erwachende Leben nach dem Ave-Maria-Läuten. An den Süden erinnert uns der helle aber weiche Gesang, der auf den Gassen und aus allen Häusern quillt, das eintönige Geschrei der Ausrufer, das Besetztsein aller öffentlichen Plätze mit Verkäufern und Ciceroni, die reichen, großen Kirchen, der bräunliche Teint der Männer, das glänzend schwarze Haar und das dunkle, gefährliche Auge der Frauen, das zur Vorsicht wohl häufig verhüllt ist mit einem zierlichen Schleier.

Der aus Süden Kommende aber wird wegen des mäßigen Klimas, des frischen Wassers, des Fleißes der Bewohner usw. in Mailand allerdings die Stadt des Nordens erblicken.

Und mitten in dieser stolzen Stadt mit dem Janusgesichte gegen Süd und Nord, steht eine Krone von Elfenbein, nein, eine Marmorkrone, wie keine Dichterphantasie je eine so wunderbare geflochten hat.

Der Dom von Mailand!

Der Italiener nennt ihn ein Marmorgebirge aus dem Norden, und vielleicht mit mehr Recht, als es scheint; waren die Baumeister doch nachweislich Deutsche. (Der Bau der wunderbaren Kuppel soll von Johannes von Graz herrühren!) Ferner ist es die gotische Bauart, sind es die hundert und hundert weithin leuchtenden Zacken, die an die nordischen Bergzacken gemahnen.

So haben die Menschen hier im Angesichte der Alpen einen Tempel gebaut, in dem sich die Erhabenheit der Berge spiegeln soll – ein Gebirge aus Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst, wie es dem klassischen Italien geziemt.

Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht liefern – er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der Völker aufgenommen worden, wie ein liebes Zaubermärchen von der Großmutter. Der Bauer in Steiermark sagt, daß in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele Türme habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der Heilige des Tages und so prange der ganze Heiligenkalender in Stein gehauen auf dem Dome zu Mailand.

Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu klein. Der Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt und die Statuen an denselben und an den Wänden zählen über zweitausend. Es ist des Märchens versteinerter Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst zu Stein, wenn er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen lichten Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über den Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft bleich, schier wie ein ätherisches Nebelgewebe, steht er des Nachts im Mondenscheine.

Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um den Dom, ich will ihn nicht einmal einführen in seine düsteren Hallen – dazu findet sich gelegentlich sicher ein besserer Führer – emporsteigen wollen wir zu jenen Höhen, nach der so viele zackige Spitzen weisen.