Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da ich den Dom bestieg. Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere Stiege über hundert Stufen hinan, der dürstende Blick gefangen zwischen den Quadermauern. Endlich aber lichtet es sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet, wenn man über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade so zumute, wie dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde hervorgetreten, die mächtige Bergkuppe übersieht, die er noch zu besteigen hat. Aber er ist über die Giebel der Häuser hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und sieht auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten Marmortreppen wieder emporzusteigen zwischen dem Gestämm der Türme und den versteinerten Heiligen. Viele derselben haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen Zeit, Blitzableiter an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze des höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende Trikolore aufgezogen, um trotz des recht unangenehmen Konfliktes zwischen der Regierung und dem Vatikan, dem König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre Huldigung darzubringen.

Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder einen Rundgang und sah nun, wie bedeutend die Stadt niedergesunken war und wie sich die Ebene Lombardiens und die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder empor zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft zu fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die gibt es wohl nicht auf dem Dome zu Mailand, statt deren sah ich auf den glatten Marmorplatten des Kirchendaches einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes Mädchen am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte an Gemsen; endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf der Plattform und nahm ungezwungen, wie man nur auf der Alpenhöhe sein kann, zusammen ein Frühstück ein. Er schob dem Mädchen gute Bissen zu, – und das Kirchendach brach darob nicht zusammen.

Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein zweiter gotischer Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes in einem neuen, reichen Kranze von Marmorgebilden, die sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den Erdboden erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan bis zu dem schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja bis in den Himmel hinauf zu entführen scheint.

Da liegt die große Stadt – die höchsten Türme sind tief unten – im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten, an den Fuß des Domes sich schmiegend, steht das königliche Schloß; dort zwischen den Ziegeldächern der kleine, bläulich glitzernde See ist das Glasdach des neuen, prächtigen Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre 1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne Kuppel der Kirche St. Maria della Grazie weist die Stätte des weltberühmten »Abendmahles« von Leonardo da Vinci und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die Porta del Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete Ebene, die südlich von den blauen Apenninen, nördlich und westlich aber in einem ungeheuren Halbkreise von den Alpen begrenzt wird.

Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen, um sich den wunderbaren Bau, das Spiegelbild ihrer Gletscher anzusehen. Dort im fernsten Westen der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein wenig nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten Riesen Montcenis. Dann der leuchtende Zahn des Montblanc und die Zacken vom St. Bernhard und Matterhorn. Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige Gletscherkuppe des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild, durch den sie den fernen Meeren die Wunder und Herrlichkeiten der Alpen kündet. Und nun geht's Kanten an Kanten bis nördlich zur Jungfrau, alle gehüllt in ihre ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet vor stiller Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da unten ausbreitet. – Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard, der Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer, aus dem die Sonne emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier niederwallen und die östliche Aussicht verdecken.

Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht mehr lichtblau, wie das Auge der Germanen, sondern scharf und dunkel, wie der glühendste Blick der Italienerin. Ich sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen flimmern am heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt: ein italischer Himmel.


Von der Kirche des heiligen Petrus.

1872.

Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der Stube. Da läßt die Magd ihr Spinnrad stehen, da lehnt der Knecht sein Spanscheit hin – da horchen sie alle auf.