Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß, daß zwei Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind zwei Springbrunnen, in denen allweg' drei Regenbogen stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese Regenbogen einmal verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer, sagen sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr mittags nicht so viel Schatten, daß eins eine Stecknadel in denselben könnt' legen. Das ist, weil die Sonnen kerzeng'rad obenauf – weil die Säulen just mitten auf der Welt steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche, die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit sind, daß Roß und Wagen darauf kann fahren, – und so lang, daß, steht an einem Ende der Jäger, am andern der Hirsch, beide voneinander nichts wissen. – Und die Kirche selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so groß, daß, wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer den andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von ihr aus nach – Rom kann sehen? – nein, nach Jerusalem hinein kann schauen. Und der goldene Knopf auf der Kuppel ist so breit, daß darauf sieben Hochzeitspaare können tanzen!
So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden auf Erden, als sich die im steirischen Dorf ihre Peterskirche haben erbaut. Es ist nur gut, daß in ihren Hecken kein Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät' führen, und daß sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße« verstünden zu wandern – sie würden ja so enttäuscht sein.
Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich mein obiges Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem Märchenleben heraus und zur ernüchternden Einsicht kam, wie viel – wie wenig die Menschen im Verhältnisse zur Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen.
Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden, die ich ihr widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch von Alessio gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung eines weisen Mönchs neunundneunzigtausend Engel Platz auf einer Nadelspitze haben, so wird der goldene Knauf der Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender Tanzboden sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just wegen Raummangels gerauft werden müßte.
Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam durch das dunkle, schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke.
Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine Teufelsburg kann nicht finsterer aussehen, man betrachte nur! Eine trotzige Runde, einst eine Totenstätte, dient sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu beschützt von den Engeln«.
Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese endet plötzlich und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz der Erde – auf der Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld mit Quadern bepflastert, da sind zwei weißschäumende Springbrunnen, Silberpaletten, auf denen die Sonnenstrahlen just ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und mitten steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und dem eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen Kreuze soll ein Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes stecken. – Dann die prächtigen Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten Arme des Vatikans, mit denen er den Platz umschließt – die ganze Welt umschließen möchte.
Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen Stufen, steht breit und behäbig und stolz der rötlich schimmernde Quadernbau – der größte Tempel der Welt, der Dom des heiligen Petrus. – Von der Kuppel sieht man nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den Vorderbau herüberragen.
Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde. Ich tat einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden Vatikan, einen Blick nach den riesigen Statuen der Apostel Petrus und Paulus, die an den beiden Seiten der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den Säulen der Fassade – zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz haben. Ich schritt durch das Portal, schob einen der schweren Ledervorhänge bei Seite und stand nun in dem Raum der Kirche. Da war nicht die ernste Dämmerung eines gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des romanischen Stiles – alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der Kuppel prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung. Aber die Größe der Kirche überraschte mich nicht. Die riesigen Säulen, Fenster, Statuen und Bilder, dem Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir täuschende Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen, die ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick niedergleiten ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein, die herunten auf der Bodenfläche herumglitten!
Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das königliche Schloß zu Berlin und die Stefanskirche samt dem Turme zu Wien haben bequem nebeneinander in der Peterskirche und Kuppel Platz.